19.12.2019

Briefe



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ID: 13766 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 13.03.1891 bis: 14.03.1891
 

Frankfurt a/M d. 13 März 1891.
Meine theuere Lida
es brannte mir ordentlich auf der Seele Ihnen für Ihren so lieben letzten Brief zu danken, dann Ihnen mein Leid über Ihr anhaltendes Unwohlseyn auszudrücken, aber, immer kam so viel Anderes dazwischen, wovon Sie keine Idee haben, denn es ist unglaublich! vor allem sind es jetzt Ferdinands Kinder, und er selbst mit der Frau, die uns fortwährend an den Schreibtisch fesseln. Fürerst die schrecklichen Scenen, die er mit seiner Frau durchmacht, dann die Uebersiedlungen der Kinder, der Aelteste Junge hier in die Nähe nach Rüsselsheim zu einem Apotheker, dann Juliens Uebersiedlung nach Halberstadt, Beide müssen gänzlich equipirt werden, welche Mühen sind das für Marie, und, trotzdem sie Alles so billig wie möglich einrichtet, welche Kosten. Ferner hatte ich eine Bittschrift an den Kaiser wegen Freistellen für Zweie der Knaben im Cadettenhaus gerichtet, wo auch immer hin und her geschrieben ward, so daß wir wirklich doch auf eine Freistelle hoffen durften; es stellte sich aber heraus daß Viele da waren, die mehr Anwartschaft auf solche Gunst hatten, als ich, und so schlug der Kaiser ab. Nun räth man uns zum König von Sachsen, und nun ziehe ich da erst wieder Erkundigungen ein, ehe ich wieder eine Bittschrift anfertige (diesmal soll es übrigens Ferdinand thun) – welche Arbeit ist das aber Alles. – Dann sind jetzt 3 Schüler von mir in London am Concertiren – was giebt es hin und her! – Dabei sind meine Vormittage stets mit Stunden besetzt, dann kommt der Mittag, das Schläfchen, die Theestunde, u. ich habe eigentlich nur die Zeit von 6½ Uhr bis 8½ Uhr, wo ich aber auch unausgesetzt arbeite. Ich schreibe das Alles nur, damit Sie mich nicht etwa doch manchmal der Lässigkeit zeihen. Doch, Sie liebe, milde Seele, das thun Sie doch nicht, aber, Sie wundern sich vielleicht manchmal! –
Gestern habe ich eine große Freude gehabt! ich spielte (trotz einer starken Erkältung) in einer Trio-Soiree von Kwast mit Diesem die Var. für 2 Claviere über ein Thema von Haydn von Brahms, die einen solchen Beifallssturm erregten, daß wir sie ganz wiederholen mußten. Sie sind aber auch zu herrlich, und wieder mußte ich staunen vor solcher Kunst u. solcher Genialität.
Es trifft sich doch recht schlecht, daß Ostern so früh ist – ich wollte etwas fort, aber es ist noch zu kalt. Könnte ich wie früher, allein fort, dann käme ich die Feiertage zu Ihnen, aber, ich käme Rosalien da doch sehr ungeschickt! und auch Ihnen vielleicht, wenn Sie noch nicht ganz wohl wieder sind. Der Winter will aber auch garnicht aufhören!
D. 14 Ich kann erst jetzt wieder fortfahren, bin, Gott sei Dank, wieder wohler, trotz der Extravaganz am 12ten. So eine geistige Freude ist doch manchmal ganz gut, sie bezwingt den Körper.
Wir erwarten am 20ten Brahms, der jetzt wieder in Meiningen ist, dann kommen am 26ten meine 2 ältesten Enkel.
Eben kommen Schüler, ich muß daher wieder schließen. Heute Abend wollen wir Sonnenthal sehen – wir freuen uns (Jedes im Stillen) wie die Kinder darauf. Die Elasticität des Menschen ist doch wunderbar! eine künstlerische oder gemüthliche Freude entreißt ihn ganz seiner tief traurigsten Betrachtungen! das erfahre ich eben jetzt wieder. Oft habe ich Tage, wo mir das Leben ganz unerträglich scheint, es hängt natürlich mit körperlichen Zuständen zusammen, die Einem immer in der Erwartung dessen halten, was nun wohl kommen wird! ach, immer bitte ich den Himmel, nur kein Siechthum, das wäre mir das Schrecklichste, der Kinder halber schon, aber auch meiner selbst halber.
Livia Frege schreibt sehr traurig, sie fühlt sich furchtbar einsam, und doch hat sie an dem Manne eine so schwere Bürde getragen! Schließlich drücke ich Ihnen, liebste Lida, innigst die Hand! lassen Sie mich bald hören, daß es Ihnen besser geht, und erzählen Sie mir öfter von sich, klagen Sie mir auch manchmal, wenn’s Ihnen gar so traurig zu Muthe ist, es thut ja so wohl mitfühlen zu dürfen. Meine liebe, arme Vereinsamte, leben Sie wohl.
Ach, könnte Sie manchmal nur ein Stündchen sehen
Ihre
alte treue
Clara.

Julie wird morgen confirmirt – die Mutter geht hin – [die sollte sich auch mit confirmiren lassen können, solch pflichtvergessene Frau.] Das liebe Bild v. Robert ist wieder da!
Louis’s Schwester mit Mann war den ganzen Winter hier – sie hat ein reizendes Malertalent, trifft besonders sehr gut und hat etwas ideales, das ist recht nett für uns, daß sie hier sind.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Bendemann, Lida (176)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
419-423
 



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