19.12.2019

Briefe



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ID: 13770 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 16.08.1891
 

Berchtesgaden Moritz Pension. d. 16 Aug. 1891.
Meine theuere Lida,
mein Thelegramm werden Sie heute Morgen erhalten, leider komme ich mit diesen Zeilen zu spät, meine Gedanken sind aber ganz bei Ihnen, und alle treuen Wünschen [sic] für Sie und Ihre Lieben erfüllen mein Herz heute! – Wie freut es mich, daß Sie bei Ihrer lieben Schwägerin den Tag feyern, sie ist doch die, die Ihrem theueren Manne zunächst stand nach Ihnen! – Es kam die vergangenen Tage so Vieles wieder an mich, fürerst eigene peinigende Zustände, die mich beunruhigenden [sic], dann schlechte Nachrichten von Elise, deren Aeltester Gelenkrheumatismus hat, die ganze Zeit in Domburg zu Bett lag u. noch liegt, dann kam ihr selbst noch der erschreckende Zufall einer Blutader-Oeffnung am Bein (sie hatte den Jungen aus dem Bad in’s Bett selbst getragen, da schwoll die Ader heftig an, dann badete sie selbst, u. das Mädchen rieb sie so heftig ab, daß die Ader sprang u. heftiger Blutverlust entstand) wobei sie nun mit dem kranken Kind eine Woche zu Bett lag, dazu noch das Haus voll Gäste! wie da ein Gast nur noch bleibt, begreife ich nicht! freilich es ist seinetwegen wohl gut, er bedarf der Zerstreuung, kann ja nicht den ganzen Tag am Bett sitzen. Anfang Septbr. geht Elise mit dem Jungen in ein Bad (ich wollte ihr sehr Aachen rathen, das that doch Ihrem Felix ’mal so gut). Das und noch Nachrichten von Eugenie, die mir auch leid thaten, verursachten mir so viel Correspondenz, daß ich den richtigen Datum für diesen Gruß versäumte. Verzeihen Sie es mir, meine theuere Lida! – Leider haben wir im Ganzen recht schlechtes Wetter, jeder warme, schöne Tag zieht 4–5 schlechte, wo wir im dicksten Nebel sitzen, nach sich. Mir geht es ja eigentlich theilweise gut, d. h. mein Oberkörper, aber mit dem Unterleib habe ich viel Pein. Ich kann nämlich seit einiger Zeit keine 4tel Stunde gehen, da bekomme ich zwischen Leib und rechtem Bein, krampfhafte Schmerzen, wenn ich vom Stuhl aufstehen u. gehen will, so daß ich stöhne; gehe ich dann einige Schritte, vergeht es wieder, kehrt aber immer zurück. Vielleicht sollte ich gar nicht gehen, aber das ist doch auch wieder nicht gut für meinen Körper. Der Arzt in Franzensbad hält meinen ganzen Zustand für nervös rheumatisch, und das leuchtet mir wohl ziemlich ein, doch, was ist da zu thun? auch meine Kreuzschmerzen sind furchtbar immer, jedoch früh (gerade nach der Nachtruhe) am schlimmsten. Aber ich stimme hier ein Klagelied an, und will Sie doch nicht gern damit belästigen, denn, schließlich kann Einem ja Niemand helfen. Die theuere Marie pflegt mich und sorgt für mich wahrhaft rührend; aber es macht mich so traurig, daß sie mit der ewigen Sorge um mich lebt – nur der Arbeit und Sorge! ich wünschte ihr so sehr noch etwas ungetrübten Lebensgenuß! – Emma Preußer ist jetzt unten in Bercht. bei ihrer Tochter, aber so schwach, daß man sich erschrickt, und die arme Livia Frege ist seit 3 Monaten schwer krank an Nierenleiden, und Blasenleiden. Das ist schrecklich u. geht mir furchtbar nahe! –
Hier haben wir Frl. Wendt mit ihrer Freundin, das ist sehr nett – wir sind viel zusammen. Sie wissen daß Diese mir sehr anhängen, u. immer hierher kommen, um mit mir zu sein. Leider gehen sie am 22ten fort, dann bleiben wir noch 8 Tage allein (Linde’s haben zwar ihr Haus ganz nahe, aber, wir sehen uns doch nicht täglich). Am 30ten wollen wir nach unten Berchtesgaden Villa Geiger ziehen, u. 5–6 Tage bleiben, dann in München 4 Tage u. am 11ten, wills Gott, wieder in Frankfurt eintreffen. Eugenie kommt schon nächste Tage zurück, weil ihre Freundin nach England zurück muß.
Nun leben Sie wohl, theuerste Lida, grüßen Sie Ihre liebe Schwägerin, und behalten Sie lieb Ihre alte, getreue Clara.
Marie sendet ihre innigsten Glückwünsche! –

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
Absendeort: Berchtesgaden [recte: Obersalzberg], Pension Moritz
  Empfänger: Bendemann, Lida (176)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
432ff
 



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