19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 13792 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 28.02.1893
 

Frankfurt a/M d. 28 Febr. 93.
Liebste Lida,
fürerst verzeihen Sie, daß ich Sie die Tage mit einem so dummen Briefe belästigt habe, hatte ich mir doch dasselbe, was Sie mir über P. R. schrieben, schon vorgesagt, aber, ich dachte man könnte den armen Menschen, die doch eigentlich ein verpfuschtes Leben durch ihre schlechte Erziehung haben, wofür sie nichts können, vielleicht doch in Etwas nützen, was ja doch möglich wäre, z. B. durch die Tiedge-Stiftung. Freilich, es ist wahr, der Mensch ist bei Allem Elende hochmüthig, ganz unglaublich. Doch genug! Ihr lieber langer Brief hat mir viel Freude gemacht, und ich wollte, ich könnte so schreiben wie Sie, liebste Lida! Ihre Fragen wegen B. hat wohl Rosalie Ihnen schon zum Theil, so weit ich es ihr zu schreiben wagte, beantwortet, und ich muß mir Weiteres bis mündlich aufsparen. Weil es doch so merkwürdig ist, muß ich immer wieder darüber nachdenken. Recht leid thut es mir, daß ich nicht zuweilen Ihre Sehnsucht nach Musik befriedigen kann, wie gern spielte ich Ihnen und Rosalien jetzt ’mal die neuen Stücke von B. vor, die, je mehr man sie spielt und hört, je schöner werden. Freilich [für] Menschen, wie so viele unserer jetzigen Musiker, die nichts von Poesie wissen, nichts solcher Musik abzulauschen wissen, deren Phantasie schläft, oder überhaupt nicht vorhanden ist, sind diese Stücke nicht, sie werden ihnen verborgene Schätze bleiben.
Es ist doch schrecklich was für Wetter wir jetzt haben, die Luft wäre so wohlthuend mild, wäre sie nicht so feucht, daß ich gar nicht hinaus darf – ich kann es wegen des Hustens, der beinah fort ist, nicht riskiren. – Ich bin aber die letzten Wochen einige Male in kleiner Gesellschaft gewesen, was mir, bis auf das erste Mal wieder seit 2 Jahren, wo es mich sehr angriff, doch gut bekommen ist, mir sogar Anregung und Erheiterung brachte, momentan wenigstens, und das thut schon tut. Wie Recht haben Sie in allem was Sie über die jetzige Jugend sagen. Ich habe wegen Julie schon Dispute gehabt. Sie sollte auf einen Maskenball, oder vielmehr Scherz, mit 6–7 Paaren in dem Atelier der Frau Bertuch, im Costüm tanzen. Ich konnte es nicht abschlagen, machte aber zur Bedingung, daß sie um 12 Uhr wieder zu Haus sey (es ging erst um 9 Uhr an, weil Alle zu Haus erst zu Nacht essen sollten) – sie kam aber um 2 Uhr. Da war ich bös, und stritt mit Louis, der mir, als ich ihm sagte, ich könne das Uebermaaß im Vergnügen nicht leiden,[erwiederte], man müsse das Leben genießen so viel man könne [nach diesem Grundsatze werden auch die Kinder erzogen], als ob der Genuß im Viel bestünde. Wir Alten müssen uns aber beruhigen, wir können mit solchen Anschauungen nicht mehr fort. Heute hat sich die Tochter vom Professor Linde in München, liebe Bekannte von uns, verheirathet – sie fällt mir hierbei ein, das sind auch noch so einfache Menschen, ernst in ihrem Berufe und heiter, wohlthuend im Leben. Daß Sie so fern von Ihren Kindern leben müssen, empfinde ich Ihnen recht nach, welche Wonne wäre es für Sie hätten Sie den theueren Felix mit seiner Familie in Düsseld. Ach, das Getrenntsein von unseren Liebsten ist sehr hart! – Wir erwarten Betty Oser bald, auch kommt Clara Wittgenstein aus Wien, um 1 Monat Stunden bei Marie zu haben, ein liebes Mädchen und mit ihren Schwestern mir treue Anhängerinnen.
Zeit u. Bogen gehen zu Ende!
Leben Sie wohl Liebste.
An Rosalie u. Agnes Herzlichstes.
Marie grüßt innigst mit mir
Ihre
alte Clara.

Von Eugenie haben wir gute Berichte.
Entschuldigen Sie das viele Ausgestrichene.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Bendemann, Lida (176)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
450ff
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.