19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 13793 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 13.04.1893
 

Pallanza d. 13/4 93 Grand Hôtel Pallanza.
Meine theuere Lida,
ich schrieb eben an Rosalien, möchte Ihnen aber doch einen directen Gruß auch senden auf Ihren so lieben Brief vom 3 März – ich bin ganz beschämt indem ich dies niederschreibe, so lange antwortete ich nicht! aber, ich weiß nicht, wie das oft mit mir jetzt geht, ich kann mich oft tagelang nicht zu einem Briefe aufraffen. Ich hätte Ihnen ja sofort für Ihre Mühe f. d. armen Rietz danken müssen. Ich kam aber in der Sache nicht vorwärts – meine Hauptstütze dabei, Frau Kissel, war Wochenlang krank, da konnte ich ihr nicht damit kommen, dann reisten wir ab. Eine Liste herumgehen zu lassen, das mußte ich doch wieder aufgeben, da ich schon zu meinem Fond Beiträge jährlich habe, und so wollte ich mich damit an Grützmacher wenden, wenn ich zurückkehre, ihm schicken, was ich auf privatem Wege erhalte. Nochmals Dank,Liebe, Beste! Wie viel Freuden haben Sie wieder erlebt, meine theuere Lida! Wie schlägt mir immer das Herz, wenn ich so Erfreuliches von Ihnen lese, aber so wehmüthig wird mir immer dabei – ich versetze mich so ganz in Ihr Empfinden! – Wie schwer ist es aber [auch] für die armen Wittwen, die sich nun von ihren einzigen Söhnen trennen müssen – welcher Kampf. Von meinen Enkeln läßt sich noch nicht viel sagen, als von Alfred, der jetzt vom Louis nach Zürich geschickt wird, zu seinem Bruder in’s Geschäft, wo er es so gut haben wird, wie es für einen Lehrling möglich ist. Er war sehr fleißig, u. hat die besten Censuren, ist aber ein so wenig angenehmer Junge, daß ihn Niemand mag, am allerwenigsten Sommerhoff’s, die doch für ihn sorgen müssen – das ist doppelt traurig. Ferdinand hat einige Malheur’s gehabt mit Recept und Zerschlagen von Flaschen, die ihm die Gunst seines Herren sehr verringert hat, er ist aber pflichtgetreu, nur eben unpractisch. Noch ein Jahr muß er bleiben. Für den Dritten, Felix, haben wir in Wien Aussicht auf eine Lehrlingstelle bei Fellinger, der sich sehr seiner annehmen wird – eine große Beruhigung. Julie ist pflichtgetreu, manchmal liebenswürdig, dann wieder steckt ein Dämon in ihr, das ist die Mutter! – Sie hilft schon Marien Anfänger ihr vorzubereiten, u. macht es gewissenhaft, lernt selbst sehr fleißig, ist im Haushalt auch geschickt u. rührig.
Die Mutter klagt immer, sie komme nicht aus, ich antworte nie – bin ganz hartherzig gegen Sie, kann nicht anders. Nun wissen Sie Alles, meine liebe Lida, u. erzählen wohl Rosalien.
Von uns Beiden die wärmsten Grüße.
Ihre alte Clara

An Agnes Grüße, bitte.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Pallanza Grand Hotel Pallanza
  Empfänger: Bendemann, Lida (176)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
454ff
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.