19.12.2019

Briefe



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ID: 13794 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 02.06.1893
 

Frankfurt a/M d. 2 Juni 93
Meine theuerste Lida,
bei Ihren Kindern suche ich Sie heim! ich hatte mir längst vorgenommen Ihnen einen Gruß nach Kiel zu senden – wie so gern weiß ich Sie dort, inmitten Derer die Ihnen doch die Liebsten sind! von Rosalie hörte ich auch, daß Ihr Husten viel besser sey! – Doch nicht nur ein Gruß, auch eine Bitte knüpft sich an Diesen, um Ihren Rath in einer Angelegenheit, die uns in großer Aufregung hält all diese Tage. Sie wissen Antonie hat immer gesagt, sie komme mit 2000 M. nicht aus. Schon lange hetzt meine Schwester Marie an ihr herum gegen uns, (giebt ihr aber nie etwas) und so ist sie denn, natürlich in Uebereinstimmung mit Antonie, in Berlin zu Robert Mendelssohn gegangen, hat Diesem Antoniens traurige Lage geschildert, und ihn dadurch gewissermaßen gezwungen Antonien ein Jährliches auszusetzen. Wir sind darüber ganz außer uns, denn Mendelss. hatte nach Ferdinands Tod mir geschrieben, er werde Antonien beistehen, aber, nichts gethan, und nie etwas mehr erwähnt, trotzdem er mehrmals in Geldangelegenheit mit mir verkehrte. Nun geht diese Person dahin, und bettelt. Er setzt ihr 1200 M. im Jahr aus. Mein Gefühl (resp. unser) sagt uns, es zurückzuweisen, denn es ist für mich in meinem Freundschaftsverhältniß doch entsetzlich, da doch mir ein Vortheil daraus erwächst, Mendelss. wohl gar glauben könnte, ich hätte darum gewußt! Eugenie schreibt, daß sie mein Gefühl vollkommen begreife, daß aber Andererseits dies eine Garantie für Antonie sey, die wir ihr nie geben könnten, und, Louis, der auf meiner Seite zwar ist, meint doch da Ferdinand so lange im Geschäft war, könne die Sache ganz unter Ant. u. Mendelss. bleiben. Ignoriren kann ich es aber doch nicht, muß doch an Mendelss. schreiben. Wie soll ich mich dabei benehmen? Sie Liebe, Beste, Verständigste, rathen Sie uns! – Wenn wir zugeben daß Ant. es annimmt, so wollen wir sie auf diese 1200 M. verweisen, und nur für alle Kinder sorgen. Behält sie den Jüngsten noch, so will ich ihr für Den noch 800 M. ein Jahr lang geben. Mit ihr wollen wir aber jetzt ein für Allemal abbrechen, gänzlich! – Diese Gemeinheit, Boshaftigkeit dazu, geht doch zu weit. Das Alles für unsere Sorge und Liebe für ihre Kinder. Bitte, sagen Sie mir offen Ihr Gefühl in der Sache, ich bin ganz schrecklich erregt darüber. An Rosalie schrieb ich nichts, ich kann solche Dinge nicht den beiden Junge’s preisgeben. Sie haben wohl gehört daß die armen Sommerhoffs v. Carlsbad zurück mußten, weil der Aelteste bei einem Lehrer, zu dem sie die beiden älteren Knaben, mit großem Widerstreben Seitens Elise, gegeben hatten, das Scharlach bekam, so daß sie zurückkehrten, u. Elise ihn nun dort pflegt, während der Louis m. d. Kindern draußen a. d. Gute ist. Eine harte Zeit machen die Armen durch! es geht aber Gott sey Dank, alles normal. – Sie verleben gewiß beglückende Tage bei Ihren Lieben – wie oft denke ich an Sie, Theuerste. Ach, daß man so getrennt von Einander leben muß! – Ich bin fleißig, habe entsetzlich viel immer, besonders zu schreiben, immer einen Berg von Briefen vor mir, dabei doch viele Leiden!!! 1 Juli wollen wir nach Schlangenbad, wohin Eug. am 8ten auch kommt, dann mit uns bis Anfang Octbr bleibt.
Leben Sie wohl, meine theuerste Lida, grüßen Sie die lieben Felix’ens Alle – könnte ich mal einen Blick in Ihr großmütterliches Familienleben thuen! – Ihre alte treue Clara.

Sie theilen wohl später Rosalie Alles mit.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Bendemann, Lida (176)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
456-459
 



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