19.12.2019

Briefe



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ID: 13796 Brieftext


Geschrieben am: Montag 14.08.1893
 

Interlaken d. 14 Aug. 1893 Hôtel Ober.
Liebste Lida,
wieder ist ein Jahr herum, in welchem Sie wohl immer etwas zu leiden hatten, aber auch gute Zeiten verlebten. Möge das Nächste Ihnen nur Gutes bringen, meine theuere Freundin! und, behalten Sie mich ein wenig lieb! ach, daß man von den liebsten Freunden so fern leben muß, so selten sich sieht, daß man unwillkürlich, wenigstens in den äußeren Interessen von einander getrennt wird, bleibt auch das Herz Dasselbe, ist doch gar traurig! Ich höre, daß Sie wieder zu Ihrer lieben Schwägerin gehen – grüßen Sie sie ja recht sehr von mir! wie gern sähe ich sie ’mal wieder! das ist doch eine wunderbare Frau! – Wir sind nun hier wieder in der vorjährigen Wohnung, diesmal mit Eug. es ist wunderschön wie immer hier, aber, wir werden doch nicht noch einmal so in einer Pension hier leben, es hat für zarte Leute (wie Eug.) oder Alte, (wie ich) große Schattenseiten, besonders die gesundheitlich nachtheilige schlechte Kost, was für Eug. besonders schlimm ist. Sie muß sehr vorsichtig sein, darf nur leichte Kost genießen, das ist aber, durchzuführen, im Hôtel kaum möglich. Augenblicklich sind Frl. Wendt und Freundin hier, nächstens kommen Vonder Muhlls, und werden wir wenig ganz allein sein. Leider sind alle meine Schmerzen in Schlangenbad nur schlimmer geworden, und ich bin oft sehr niedergeschlagen –, Alle vertrösten mich auf die gute Nachwirkung. Möchte es doch wahr werden. Ihr lieber letzter Brief hat mir die herzlichste Freude gemacht. Könnte ich nur ’mal Ihres Felix Familie sehen! Wir haben mit Ferdinand noch viel Aufregung gehabt, endlich ist bestimmt worden, daß er Ostern sein Apotheker-Examen macht, dann wollen wir einen Versuch in der Musik machen, wenn er nicht zu bewegen ist, in seinem jetzigen Berufe zu bleiben. Dazu werden wir all unser Möglichstes thun. Eugenie ist recht wohl im Ganzen, hat aber schreckliche Scenen mit Miss Davies erlebt. Nachdem Diese, da es offenbar schrecklich war, daß Eug. sich als Lehrerin niederließ in London, ihr schon allerlei Intriguen mit freundlichster Miene gespielt hatte, wollte Eug. (ihre Freunde besonders auch, die es sahen, wie Eug. unter diesem Scheinverkehr mit ihr, litt) sich ’mal mit der D. aussprechen, und sie verabredeten eine Stunde. Die Davies kam mit ihrer Miss Grist, und leugnete aber Alles, und sagte schließlich zu Eugenie: „Sie sollten sich in Acht nehmen mich zu beleidigen, ich kann Ihnen sehr gefährlich werden, denn ich habe viele Freunde in England“ worauf Eugenie ihr die Thür wies. Sie ging, und hat bereits begonnen ihre Drohung wahr zu machen, indem sie Eug. zwei Schülerinnen abspenstig machte, deren Eltern ihr impertinente Briefe schrieben, daß sie ihre Kinder nicht zu einer Lehrerin schicken möchten, die das edle Wesen, Miss Davies beleidigt hätte. Nota bene: beide Eltern kannten Eug. nicht einmal persönlich, und der eine Vater hatte nur Gutes von Eug., die sich für sein talentvolles Kind besonders interessirte, empfangen, billigere Stunden, viele gratis Stunden, und für später noch mehr Versprechungen, wenn das Kind fleißig sey. Sie können denken wie erregt Eug. war und noch ist, denn sie sagt, die Davies hört nicht auf. Diese zwei Briefe hatte sie offenbar dictirt! Ich sage ihr immer: „Der Böse gräbt sich selbst die Grube.“ So ein armes Kind geht zum ersten Male in die Welt hinaus, und muß so Schreckliches erfahren, weil sie ehrlich ist. Gerade dies ist Eug. im wahrsten Sinne des Wortes! Sie ist aber so erregt, daß sie jeden Brief aus England mit Angst öffnet, wo sie die Handschrift nicht kennt. Sie hat übrigens Beiden Briefstellern in Briefen geantworten [sic], die Hand und Fuß hatten. Sie hat das Englisch so inne, und eine sehr gewandte Feder. Die Empfänger müssen sich schämen, wenn sie nur etwas Ehre haben. In einem Briefe an mich von der Davies leugnet Diese Alles. Ich habe ihr darauf geschrieben, daß, nach den Worten, die sie Eug. gesagt, unser Verkehr ferner unmöglich sey. Darauf kam noch ein Brief, wieder voller Lügen u. Widersprüche, auf den ich nicht mehr antworte. Was giebt es doch für Menschen! ich habe übrigens die D. immer für ganz falsch gehalten. Bitte, erzählen Sie Rosalien die Sache. Ich schreibe es Ihnen Beiden, weil ich jetzt doch so erfüllt davon bin, und, „wes das Herz [voll] , des der Mund überfließt!“ Ich weiß Sie nehmen Theil daran. –
Wie Vieles haben Sie in Ihrer Familie doch auch von Sorgen, Zweifeln ect. Daß Eduard zu so gar keinem Resultat kommen kann, ist wohl traurig und begreife ich besonders seines Vaters Sorge.
Ich muß schließen! bitte sagen Sie Rosalien, daß [ich] erst durch ihre Karte zum 12t an diesen Tag erinnert wurde, und ihr bald selbst antworte. – Warnen Sie doch Maria, und stellen Sie ihr vor, daß sie Unrecht thut, wenn sie so große Parthieen macht, wo sie sich stets schadet.
In zärtlichster Freundschaft, mit allen treuesten Wünschen für Ihr Wohl, umarmt Sie
Ihre
alte
Clara.

Marie und Eugenie senden ihre herzlichsten Wünsche.
Wir bleiben jedenfalls bis Anfang Septbr. hier.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Interlaken Hotel Ober
  Empfänger: Bendemann, Lida (176)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
459-462
 

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