19.12.2019

Briefe



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ID: 13797 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 11.10.1893
 

Frankfurt a/M d. 11 Octbr. 93
Meine theuere Lida,
noch immer habe ich Ihnen nicht gedankt für das liebe Thelegramm an dem sich auch Ihre liebe Schwägerin so freundlich betheiligt hatte. Jeden Tag dachte ich daran Ihnen zu schreiben, aber weder Zeit noch Kräfte reichen aus für Alles, was ich eigentlich zu thun hätte. Ich brauche so viel Zeit zu der körperlichen Pflege, ruhen a. d. Chaisel. nachdem ich ausgegangen oder gefahren bin, Nachmittagsschlaf, Theestunde, dann wieder kurze Promenade, wieder ruhen, und die Vormittage ausgefüllt mit Stunden, Briefe lesen, das Nöthigste gleich zu erledigen ect. So ein Tag ist gar zu wenig! dazu aber kommt eine furchtbare Melancholie, die mir alle Thatkraft raubt! nie in meinem Leben habe ich eine solche Lebens-Freudlosigkeit empfunden als jetzt – und diese trotz des Besitzes solcher Töchter, freilich die Eine ja nur für Monate, aber, Marie allein ist ja solch ein Schatz! wie traurig ist es mir, ihr so gar nichts mehr sein zu können, als ein Wesen der Sorge, für sie allein müßte ich mich schon aufraffen! ach, warum kann ich es nur so gar nicht! ich bin aber so schwach, die ewigen Schmerzen, das andauernde Kopfleiden, die Sorge, wie es werden soll, da die Leiden Alle zunehmen! keine Freundin hier, zu der ich mich manchmal aussprechen könnte! –
Das soll nun ein Dankbrief sein! ach, liebste Lida, sein Sie mir nicht bös, könnte ich Sie manchmal sprechen, es wäre gewiß besser mit mir! – Eugenie hat uns nun wieder verlassen, mehr denn je habe ich empfunden was sie uns ist, um so schwerer ist auch die Trennung. Wir haben zu unserer Beruhigung gute Nachrichten, sie ist glücklich zurück, die Fillu hat sie hier abgeholt, u. ihr zu Liebe, habe ich die [Fillu] wieder bei mir aufgenommen. Ich finde immer vergessen leichter, als zürnen. Mir ist sie ja auch entgegen gekommen, aber Marien nicht, daher konnte ich sie auch nicht zum Wohnen bei mir einladen. Eug. hat wieder vollauf Schüler, trotz der Davies!!! das freut mich.
Ihr Schwiegersohn hat Ihnen wohl erzählt, daß wir uns in Interl. sahen, leider nur sehr wenig, da er immer Parthieen mit den Kindern machte. Es machte mir aber Freude ihn mit den lieben Kindern zu sehen – was ist der Hans so nett geworden! hätte der arme Mann doch auch Freude am Eduard! – Was war Ihr Gedicht (oder Vers) reizend, waren Sie oder Frau Hübner die Verfasserin? ich wüßte gern Frau Hübners Adresse, um auch ihr zu danken. Es wird sie doch nicht beunruhigen, wenn ich ihr schreibe, daß sie etwa denkt, sie müsse mir antworten? – Unser Leben fließt nun wieder dahin, wie immer im Winter, möge mir der Himmel über Diesen gnädig hinweghelfen, uns Allen! Sie sind aber doch viel rüstiger, moralisch auch kräftiger als ich! Besuchten Sie mich doch auch einmal, liebste Lida! freilich bieten könnten wir Ihnen sehr wenig, nur Liebe, die mein Herz bei jedem Gedanken an Sie empfindet.
Leben Sie wohl! wollen Sie nicht einmal wegen Ihrer leichten Erkältungen eine aerztliche Autorität consultiren? ich lasse mich jeden Morgen mit Franz-Branntwein im Bett abreiben – das soll so sehr die Empfänglichkeit für Erkältungen vermindern.
An Rosalie, nun die 81jährige Freundin, Herzlichstes, und nochmals Dank, meine Theuere für Ihre Sendung.
Marie grüßt sehr, ist, Gott sei Dank, sehr wohl, und ist mir der einzige Halt noch im Leben, Eugenie vereint sich mit ihr in Liebe und Sorgfalt für mich, wenn sie bei mir ist.
In treuer Um-
armung Ihre
Clara.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Bendemann, Lida (176)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
463ff
 



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