19.12.2019

Briefe



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ID: 13802 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 27.06.1894
 

Interlaken d. 27 Juni 94. Châlet Sterchi
Liebste Lida,
noch habe ich nicht dankt für Ihren so lieben letzten Brief, der mich wieder erquickt hat, wie alle Ihre Briefe es immer thun. Blicke ich auf Sie, so schäme ich mich meiner Klagen, wenngleich ich glaube Sie leiden an Ihrer Gesundheit weniger als ich! Wohl müssen Sie sich schonen, aber Sie haben doch nicht fortwährende Schmerzen, die Sie peinigen und ängstigen! Elend zu leben, das ist meine größte Angst, möchte der Himmel mich und die Töchter davor bewahren. Täglich nehme ich mir vor mehr anzukämpfen, aber ich weiß nicht, wo ich den Lebensmuth hernehmen soll! wie lang sind die Tage wenn man nicht arbeiten kann, und selbst dann, was soll ich immer arbeiten, was nicht die Augen oder den Rücken angreift? Viel Lesen kann ich nicht, viel schreiben auch nicht, spielen nur wenig, und mich in freier Luft bewegen kann ich wegen der Nervenschmerzen auch nur wenig. So bin ich mit all meinem Sinnen und Trachten nur immer bei meiner theuren Marie, möchte ihr das Leben mit mir leichter machen können, die ja doch einzig und allein für mich lebt! – Sie ist es aber auch, die mich aufrecht hält, nicht meine eigne Stärke, wie Sie sie im Leide immer gezeigt … Wir sind nun hier ziemlich eingerichtet, und leben ganz behaglich in unsrer eignen Wirthschaft. Man ist uns gefällig überall und dies erleichtert Vieles! Merkwürdig gewandt bringt Marie immer Alles in die Reihe! – Die Kinder bringen Leben in’s Haus, wie immer die Jugend! Ferdinand studirt fleißig, hat täglich Stunden bei Marie, einen Tag Clavier, einen Theorie, einen französich – so macht sie sich jeden Tag nützlich. Das Wetter ist Stundenweise schön, aber sehr schwankend, und, was sehr schlecht für mich ist, in der Sonne ist es heiß, im Schatten kalt. Das Schönste ist bei schönem Wetter der Vormittag auf dem Rugen, in dichtem Walde zu sitzen, wo wir dann lesen, schreiben, Handarbeiten. Leider ist es nur immer mühsam für mich hinzukommen mit dem Stuhl. Ich lasse ihn jetzt gewöhnlich leer hinaufbringen, und fahre dann aber hinunter. Oben brauche ich ihn, weil er mich vor Feuchtigkeit (vom Fußboden aus) schützt. Ich denke oft, wie würden Sie hier Alles genießen. Warum kann mir nur nie die Freude werden, ’mal im Sommer mit einer alten Freundin zu leben – warum gehen die Wege immer so auseinander! Daß meine alte Freundin Emilie List bei mir war, wissen Sie – das war mir Freude. Sie ist ein so liebenswürdiger Character, wohlwollend Alles erfassend. Sie geht sehr schwer, ist sehr stark und steif, aber, sie ist kerngesund, und geht ihr, glaube ich, das Verständniß für wirkliche Leiden ab – Gott sei Dank, muß man da sagen!
Sie werden viel zu thun haben, Liebste, und da will ich endlich schließen.
Sagen Sie bald ’mal wieder ein kräftiges Wort, wie Sie es so gut können
Ihrer alten Clara.


Marie grüßt sehr – Eug. kommt erst in der 3t Woche des Juli. Sie hat ein sehr erfolgreiches Concert mit ihren Schülern (natürlich nur gegen Einladungen) gegeben, hatte gegen 300 Zuhörer. Gott sey Dank, daß sie es gut überstanden.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Interlaken Chalet Sterchi
  Empfänger: Bendemann, Lida (176)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
480-483
 



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