19.12.2019

Briefe



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ID: 13803 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 14.08.1894
 

Interlaken d. 14 Aug. 1894. Châlet Sterchi.
Meine theuere Lida,
wieder ist ein Jahr vergangen, und Sie betreten das Neue hoffentlich in der Frische, in der Sie das Alte vollbracht haben, wirkend nur für Andere, zum Segen Aller! Theuerste Lida, möge Sie uns der Himmel noch lange so rüstig erhalten! In unserm Alter tritt man doch jedes neue Jahr so zaghaft an! Ob Sie wohl noch in Düsseld. sind? es ist mir wahrhaft leid gewesen, als Sie sich von den lieben Enkeln aus Kiel wieder trennen mußten. Und doch bedurften Sie vielleicht etwas der Ruhe, denn zwei so kleine Kinder geben doch immer zu sorgen! – Wie mag es nur Ihrer Schwiegertochter Helene gehen? Wenn sie sich nur nicht gleich wieder übernimmt! es ist ja gar so schwer für so ein junges Wesen, sich zu schonen, und auch so schwer, wo doch so viel Kinder sind, die immer zu thun geben! – Um Rosalie habe ich etwas Sorge – sie schrieb mir nicht zum 12ten, was sie nie vergaß. Sie ist doch nicht etwa krank? – Wir haben hier leider seit fast 4 Wochen immer schwankendes Wetter, so daß man von einer Stunde zur Anderen in Unsicherheit ist, und an keine größere Tour denken darf, aber Interlaken bietet bei jedem Sonnenblick so viel, daß man gern still zu Hause bleibt, den Balcon benutzt, wenn es irgend geht. Heute scheint doch endlich die Sonne über die Wolken siegen zu wollen. Mir thuen immer die Leute so leid bei solchem Wetter, die auf eine bestimmte Zeit angewiesen sind, auf die sie zu ihrer Erholung das ganze Jahr hoffen – für Diese ist jeder Regentag ein schmerzlicher Verlust. Wie gut haben wir es dagegen! – Agnes hat einen unglücklichen Tausch gemacht, daß sie erst nach dem Rigi ging, während es dort Ende Aug. immer erst sicherer wird. Nun, vielleicht wird sie jetzt noch entschädigt. Wir bleiben wohl ruhig bis 14–15 Septbr hier. Frl Wendt war 14 Tage hier, jetzt reist sie ab, in 8 Tagen kommen Vonder Muhll’s aus Basel. Wach’s, die wie Sie wohl wissen, eine Tochter an den Pfarrer in Sigriswyl verheirathet haben, habe ich, zum Theil des unsicheren Wetters halber, noch nicht besucht, nur sie waren bei mir. Leider ist ein öfteres Sehen doch durch die Entfernung erschwert, auch ist Frau Wach sehr umständlich, und soll nicht gern Besuch haben, das Letztere hielt uns zumeist ab herauf zu gehen. Mir thuts sehr leid, denn ich habe Beide sehr gern, es zieht mich immer das Herz zu ihr, der Tochter Felix Mendelssohn’s. – Julie ist nun wieder bei ihrer Mutter, sie hat mir aber das Leben sehr schwer gemacht, war immer verstimmt, übellaunig ect. Und doch, treibt mich mein Herz sie nächsten Winter doch wieder zu mir zu nehmen, um sie in der Musik noch weiter zu bringen, so schwer es auch ist zu arbeiten, Opfer [aller Art] zu bringen, ohne Anerkennung, ich meine, ohne den Anderen dadurch beglückt zu sehen. An Ferdinand haben wir mehr Freude, er ist ein liebenswürdiger Mensch u. fleißig. Es giebt aber viel an ihm noch zu thuen, außer der Musik noch Sprachen, Turnen, Theorie u. Sonstiges. Wir lesen immer Abends zusammen, damit er seine Sprache etwas verbessert, u. lernen selbst dabei. Jetzt haben wir Reuter mit größter Freude gelesen, erst die Franzosentid, dann die Stromtid. Da hat man doch wahrhafte Erquickung für’s Herz.
Nun aber muß ich schließen, meine liebe theuere Freundin. Gott sey mit Ihnen! –
Getreuest Ihre Clara.
Marie u Eugenie grüßen mit den wärmsten Wünschen. Ach, wären sie doch ein Mal im Sommer mit uns! –
An Rosalie herzlichste Grüße.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
Absendeort: Interlaken Chalet Sterchi
  Empfänger: Bendemann, Lida (176)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
485ff
 



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