19.12.2019

Briefe



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ID: 13810 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 01.08.1895
 

Interlaken d. 1 August 1895. Dr Aemmer Lindengarten
Meine theuere Lida,
so spät komme ich mit meinem Gruße, und dachte doch so viel an Sie, war so betrübt zu hören, daß Sie in Kiel fast immer erkältet waren! – Nun aber geht es doch besser? Noch ’mal drücke ich Ihnen heute die Hand in innigster Theilname für den Sorgen-Enkel! das war er doch immer! Möge er eine liebende Frau gefunden haben, das ist das Beste, was man ihm wünschen kann. Sie kennen wohl nun die Braut? Bitte, lassen Sie mich bald wissen, wie es Ihnen geht? – Es ist recht schlimm daß wir Alten so entsetzlich empfänglich für Erkältungen sind, Sie haben es leicht im Hals, ich im ganzen Körper! Noch nie hatte ich so viel rheumatische Schmerzen, wie diesen Sommer. Wir leben hier sehr behaglich, haben ein sehr hübsches Logie, genießen viel Luft, hatten schöne 4 Wochen hier, aber seit einigen Tagen regnet und stürmt es. – Wären nur nicht die vielen Trauerfälle von allen Seiten! die beschäftigen mich so viel, und stimmen so herunter. Ein schrecklicher Fall hat sich hier ereignet! Der Sohn von Marie Benecke, Tochter Mendelssohns, war zum Besuch hier bei Wach’s, ging vor 3 Wochen mit einem Freunde auf eine Bergtour, ohne Führer, weil schon lange keine Führer mehr mit dem wagehalsigen Menschen gehen wollten –, und, verschwand! als er nach 8 Tagen nicht zurückgekehrt war, benachrichtigte man aus dem Gebirge Wach’s, und Diese natürlich gleich die Eltern, die nun von London kamen (Marie erst allein 8 Tage lang, dann kam erst der Mann) und nun an den verschiedenen kleinen Orten sitzen, wo sie von Führern suchen lassen nach der Leiche. Ist das nicht entsetzlich? die arme Frau! das muß ja sein, um den Verstand zu verlieren. Nicht ’mal Wach’s wissen wo sie sind, denn sie geben kein Wort Nachricht. Wir denken fortwährend daran, und sprechen davon, das stimmt Einen doch natürlich sehr herunter. Meine Schwester mit Freundin sind noch hier und vor einigen Tagen kamen auch Frl. Wendt mit Freundin. Das ist nun doch ein wenig Viel, man will sich doch Jeder widmen, zerbricht sich also manchmal den Kopf, wie man es anfängt, Keine zurückzusetzen. Steinmetzen’s werden auch im Laufe d. Monats kommen, aber nur für Tage. Cornelie Schunk versucht jetzt aller Orten herum, weil es ihr hier nicht mehr behagte, findet aber Nirgends das Erwünschte. Sie ist wie ihre Schwester, höchst verwöhnt, unzufrieden stets, oder so himmelhochjauchzend, daß man auch Angst bekommt.
Nun, liebste, theuerste Lida, will ich schließen! Wären Sie doch ’mal hier, es müßte Ihnen behagen, und wie gut thuen gesundheitlich! Alle finden, ich sähe vortrefflich aus, dabei aber ist mein Kopfleiden hier am schlimmsten, so war es auch vor’m Jahr.
Marie und Eugenie (Letztere sieht sehr munter aus) grüßen Sie herzlichst. Die Fillunger ist mit Hallé’s auf einer Concerttour in Afrika, eben dort angelangt. –
In treuer Umarmung Ihre alte Clara.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Interlaken Lindengarten, bei Dr. Aemmer
  Empfänger: Bendemann, Lida (176)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
526f.
 



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