19.12.2019

Briefe



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ID: 13857 Brieftext


Geschrieben am: Montag 07.07.1890
 

Franzensbad d. 7 Juli 90,
Meine theuerste Lida,
jetzt sind Sie bei Ihrer lieben Schwägerin, und da muß ich Ihnen einen Gruß senden, damit Sie auch wissen, daß ich an Sie denke. Mit diesem Gruße möchte ich Ihnen zugleich sagen, wie mich die Aufmerksamkeit des Königs v. Schweden für Felix gefreut, dann aber sollen Sie wissen, daß wir ganz besonders viel in diesen Tagen gerade mit Ihnen sind. Wir lesen Ihres theueren Mannes Briefe, und sprechen dabei viel von ihm und Ihnen. Welch eine Bevorzugung, welch eine Erquickung habe ich stets genossen durch seine und Ihre Freundschaft! wie war er immer so liebreich, immer der rathende Freund, wie drang durch seine Briefe immer der liebenswürdige Humor der, aus dem edelsten Herzen kommend, immer so wohl that. Manchmal fühle ich auch heraus, wie er sich über mich amüsiert hat, wenn ich wohl ’mal ängstlich erschien, z. B. in practischen Dingen. Ach, solchen Freund verloren zu haben, wie unsäglich hart ist das! Wie versetze ich mich so oft in Ihre Seele, meine geliebte Lida – wie schwer haben Sie zu tragen! ich bewundere, wie Sie es thun, so ganz in seinem Sinne! Wir haben mit Ferdin. recht schwere Tage verlebt. Der Contrast bei Sommerhoff’s, (bei denen er wohnte) mit seiner Lage war das Schwerste mit für ihn, leider aber konnten wir ihn nicht aufnehmen wegen häuslicher Umstände. – Er hat nun seine Frau in Goslar wieder gesehen; wie gemein Diese aber ist, läßt sich nicht schreiben. Sie sagte, sie werde zu ihm kommen, aber, sie laufe ihm doch fort, dann hat sie seit 1½ Jahren von einer schweren Operation gesprochen, jetzt stellt sich heraus, daß Alles Lüge war – ich muß Ihnen all das Unglaubliche mündlich einmal erzählen. Schwere Gedanken habe ich mir schon darüber gemacht, daß ich zwei Leute die sich hassen wie Diese, wieder zusammen zwinge, der Versuch muß [aber] gemacht werden, läuft sie davon, so werden sie (glaub ich) leicht geschieden, ohne daß ich für sie zu sorgen habe. Die Kinder giebt sie ihm gern, sie macht sich nichts aus ihnen! denken Sie, die Kleinen sagen ihr weder „guten Morgen“ noch „gute Nacht“ und, als Ferdin. sie frug „sagt Ihr denn der Mama nicht gute Nacht u. gebt ihr einen Kuß“ da sagte sie, „wie werde ich solchen Schweinigeln Küsse geben[“]. Ist das nicht haarsträubend? – Ferdin. schrieb ganz entzückt über die zwei Kleinen, und ich hoffe, daß er doch noch Freude findet in der Erfüllung seiner Vaterpflichten. Vielleicht gedeihen sie ihm zur Freude und halten ihn in etwas schadlos für viel erlittenes Leid und Unrecht. Ganz ohne Schuld ist er ja auch nicht, aber, er ist ein rechtschaffener, guter Mensch. Ich habe viel mit ihm gesprochen, ihn gebeten die Wieder-Vereinigung mit dem festen Willen zu beginnen, erträglich zusammen zu leben, aber, das, sagte er könne er nicht, er hasse sie zu sehr. Ich schob die Kinder vor, für sie müsse er es wollen, ach aber, alles vergebens, der Riß ist zu groß, dazu halte ich Antonie für etwas verrückt. Ich denke Ferdin. wird sich wohl zu Gera entschließen, das liegt nahe bei Köstritz wo er die heißen Sandbäder immer mit Erfolg gebraucht, ist eine reiche Fabrikstadt, vielleicht daß ihm[dort] auch ’mal kleine Arbeiten zufallen, die er zu Hause bei sich machen kann. Auf ein Bureau kann er nicht gehen, dazu ist keine Hoffnung. Ich habe mit ihm nun ausgemacht, daß er mit 4000 Mark auskommen muß (2000 hat er Zuschuß v. Mendels so bleiben mir 2000 M.) und die Kinder in Schneeberg und Julie, die trotz der Freistelle doch immer noch 3–400 Mark kostet, später wohl mehr. Sommerhoffs haben den 2ten Knaben [(]der Elisens Pathe ist) ganz übernommen, und sich überhaupt reizend benommen. Sie wollten durchaus, daß ich f. Ferdin. selbst nichts zu zahlen hätte, aber ich nahm es nicht an, und gewiß, Sie und Rosalie geben mir recht. Meinen Schwiegersohn, der für seine eigne Familie schon so große Pflichten übernommen, von dem kann ich solches nicht annehmen. Wollen Sommerhoff’s dem Ferd. ab und zu etwas schenken, dagegen kann ich ja nichts haben, aber unterstützen lassen von meinem Schwiegersohn, das geht mir gegen das Gefühl, auch in Elisens Seele. Es wäre mir lieb, zeigten Sie später Rosalien dies – ich habe so viele Briefe zu schreiben, und so wenig Kräfte doch, besonders ist eines meiner Augen recht angegriffen und der Doctor mahnt zur Schonung desselben. Die liebe, arme Rosalie, nun sitzt sie da allein in Düsseld, wieder mit der Sorge um Elise – es ist schrecklich, daß doch der Mensch gar nicht zur Ruhe kommen soll, ich meine zu einem ruhigen Leben. Ich bin oft so traurig daß ich Sie und Rosalie nicht sehen konnte, aber die Möglichkeit war mir ja durch das Beinleiden genommen. Hier habe ich nun schon wieder vier Tage immer gelegen, durch die Packtage, wo ich mich doch nicht ganz ruhig halten konnte, hatte ich wieder große Schmerzen in den Knieen und Kniekehlen. Seit 5 Tagen sind wir hier, ich war noch nicht ein Mal aus, es geht aber so viel besser, daß ich morgen einen Versuch hinaus machen will.
Das Wetter ist aber entsetzlich, wir heitzen Tag für Tag, an Sitzen im Freien, was noch zur Hauptsache für mich wird, da ich so wenig gehen kann, ist nicht zu denken. Es ist auch so schlimm, eine Badecur für so rheumatischen Körper bei solcher Witterung! – Nun, es hilft eben nichts, und heißt nur, sehr vorsichtig sein, wozu mein Schutzgeist, meine Marie nach Kräfften beiträgt. Das liebe, herrliche Kind, könnte ich sie doch beglücken mit einer eignen Häuslichkeit – doch, ich komme auf ein Kapitel wo wieder das Herz so viel zu sagen hätte. Lieber schließe ich heute, meine theure Lida, und hoffe, ich höre bald ’mal wieder von Ihnen.
Ihre alte Clara.

Für Ihr letztes Briefchen wärmsten Dank.
Der lieben Frau Hübner sagen Sie meine innigsten Grüße – wie sähe ich sie so gern einmal wieder.
Marie grüßt herzlichst! –

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Franzensbad
  Empfänger: Bendemann, Lida (176)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
405-409
 



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