20.11.2018

Briefe



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ID: 13987 Brieftext


Geschrieben am: 29.01.1879
 

Basel, 29 Jan. 79.
Meine liebe Frau Schöne,
Was dachten Sie wohl, daß ich Ihnen so lange den Dank für Ihren lieben Brief schuldig blieb, aber damals im November war ich wirklich ganz außerordentlich in Anspruch genommen, sowohl in Frankfurt selbst, als auch durch Reisen. Auch jetzt bin ich, wie Sie sehen, auf der Reise und benutze ein freies Stündchen und d. Güte mein[er] lieben Secretärin, Ihnen wenigstens ’mal einen Gruß zu senden. Ich denke, Sie kennen mich genug um überzeugt zu sein, dß ich Ihrer oft und in steter Liebe gedenke und ich muß Ihnen sagen, dß wenn ich mich nach Berlin sehne, Sie und die lieben Mendelssohns in erster Linie stehen. Noch einen Grund, daß ich Ihnen nicht früher schrieb, (und dieser war eigentlich der Hauptgrund), war, daß ich hoffte, selbst nach Berlin zu kommen, und, ein Stündchen hätte mir ja dann viele Briefe ersetzt. Leider hat sich dieß nicht gemacht und zwar, ich kann es Ihnen wohl im Vertrauen sagen, durch die Schuld von Frau Joachim. Leider hat sich dieselbe sehr unfreundschaftlich gegen mich benommen, und so kam ich um die Freude Sie zu sehen. Ueber Ihre guten Nachrichten, besonders das Gedeihen der lieben Kinder hatte ich herzlich Freude; ich hoffe, der Zwischenfall mit Georg’s Gehör, hat sich wieder gegeben? Von uns kann ich Ihnen leider nur Trübes berichten, da wir Felix sehr krank und, wohl hoffnungslos, jetzt zu Haus haben. Er war den letzten Winter ganz im Süden und kam uns schlechter, denn je, zurück. Wir thun nun was wir können, ihm sein schreckliches Leiden zu erleichtern wie wir alle aber dabei selbst leiden, können Sie Sich ja denken. Es war keine leichte Aufgabe für mich, mit solchem Kummer einen neuen Wirkungskreis zu beginnen und doch, trotz aller Kämpfe, empfinde ich diesen recht als einen Segen und was das Erfreulichste dabei ist, ich habe schon Resultate, die mich für Manches entschädigen. ⎡sehr wohltuend empfinden wir in Ffurt das viel bessere Klima.⎤ Ich habe lauter nette Schülerinnen die auch fast Alle persönlich an mir hängen und so kann ich wohl sagen, daß ich bis jetzt nur Freude an der Stellung habe. Ich weiß, Sie, liebe Freundin freuen Sich darüber. Vor 14 Tagen hatte ich eine Einladung zu einem Stern’schen Vereinsconcert von Bruch und dachte dort und in einem eignen Concerte aufzutreten aber ich fühle mich doch etwas müde von den verschiednen Concertreisen und ziehe es daher vor im nächsten Herbst, so Gott will, recht frisch nach Berlin zu kommen. Morgen gehe ich wieder zurück nach Frankfurt. Machen Sie mir die Freude & melden Sie mir bald mal wieder, wie es Ihnen Allen geht? Noch muß ich erwähnen, dß ich bei dem Verlust Ihres Schwagers Volkmann innig an Sie gedacht habe – ich weiß ja, wie Sie Alle aneinander hängen und besonders auch an dieser Schwester. Entschuldigen Sie mein Dictat, aber Sie wissen ja, dß ich nicht selbst schreiben kann, wegen der Schmerzen in meinem Arm, besonders zu Zeiten, wo ich concertire.
Jetzt noch ein Lebewohl, liebe, gute Frau Schöne, Küsse den Kleinen, vor allem Ihrem lieben Manne Herzliches.
Warm und treu ergeben
Ihre Cl. Schumann

Bitte, wenn Sie Fr Flinsch sehen, grüßen Sie sie herzlich von mir, sie schrieb mir so lieben Brief! Meine Töchter grüßen Schönstens – es geht ihnen ganz leidlich.

  Absender: Schumann, Clara, geb. Wieck, Clara (3153)
  Absender-Institution:
  Absender Ort: Basel
  Empfänger: Schöne, Helene, geb. Härtel, gesch. Wigand (1394)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.18, S. 522ff.
 



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