05.01.2022

Briefe



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ID: 14043
Geschrieben am: Dienstag 11.01.1853
 

Düsseldorf d. 11 Januar 1853
Meine liebe Marie,
da liegen nun wieder zwei Briefe von Ihnen vor mir, so Manches darin zu beantworten und doch so gar wenig Zeit dazu! ich bin jetzt außeror¬dentlich beschäfftigt, so daß ich kaum selbst zum Spielen komme! mit den Stunden die ich meinen Kindern ertheile habe ich fast täglich drei, dann brauche ich noch täglich ein Sitzbad, welches mir immer eine ganze Stun¬de raubt, zwei Mal gehe ich mit meinem Manne spatzieren, dazu fast alle Tage irgendeinen Besuch zu empfangen oder zu machen, Briefe zu schrei¬ben, und womöglich selbst ein Stündchen zu spielen! nun können Sie Sich wohl denken, daß ich Ihnen ┌trotz┐ meiner eigentlichen Herzens-Neigung nur kurz schreiben kann! –
|2| Vor allem meinen allerschönsten Dank für den vortrefflichen Mac¬caronen-Kuchen, der mir sehr gut geschmeckt hat! denken Sie aber, daß ich Ihre Sendung erst am <Drit> 27ten Dec. erhielt, und doch stand auf Ihrem Briefe der 22 Dec. das konnte ich garnicht begreifen. Es war recht freundlich von Ihnen, daß Sie meiner gedachten! ich freue mich, daß auch ich mit gutem Gewissen Ihnen versichern <zu können> ┌kann┐, daß ich Ihrer eben so, nur < > ┌nicht in so gutschmeckender┐ Weise gedacht.
Liebe Marie, ich gehe jetzt gleich zur Beantwortung einiger Ihrer Fra¬gen. Die Eine, wegen Anstellung eines Dirigenten zu neuen Abonnement-Concerten bedürfte eigentlich einer ausführlicheren Beantwortung, als ich Ihnen heute geben kann, doch soviel in Kürze, daß mein Mann sich nie entschließen würde solche Concerte mit einem Orchester 2ten Ranges zu dirigieren <> ohne Kapelle geht es nicht, und mit dieser ist nichts anzufangen.
|3| So hebt sich dann alle Wahrscheinlichkeit zur Realisirung dieser Idee auf, was mir um Ihres heiligen Kunsteifers willen sehr leid thut. Die <F> zweite Frage nun, ob wir uns wohl bald sehen, kann ich Ihnen etwas freundlicher beantworten, weil es allerdings möglich ist, daß wir zur Auf¬führung des Manfred Ende Februar nach Leipzig gehen, wozu ich auch bereits eine Einladung im Gewandhaus erhalten habe. Doch ist es eben <k> noch keineswegs bestimmt, denn mein Mann ist noch immer oft lei¬dend, wenn auch nicht wie früher, so doch so, daß es ihn öfters noch am geselligen Verkehr hindert. Dieß aber, wie Alles, was ich Ihnen schreibe unter uns, und dann noch eine Bitte, erzählen Sie mir keine Klatschereien, es erbittert Einen ohne irgend Nutzen, denn der Künstler ist nun einmal der Aufmerksamkeit der Welt in allen Dingen ausgesetzt. – Was nun Ihre Anfrage wegen eines eigenen Concertes in Dresden betrifft, so wäre die¬se Idee mit der Wiederholung der Rose sehr hübsch, |4| aber mit dem Kunz’schen Orchester würde sich mein Mann keinenfalls entschließen, und versuchte man es die Kapelle zu bekommen, so wäre das wieder be¬leidigend für Kunze. Nun könnte man wohl ein anderes Stück nehmen, und dann die Kapelle, aber wer sichert Einem Diese, sowie die Sänger? Sie wissen doch wie schwer das in Dresden hält! wozu nun alle Klage! alle die 1 000 Concert-Aengste! wäre das Alles nicht, und wir könnten eben nur so kommen und dirigieren und spielen, da wär’s ein anderes Ding. Doch, es mag nun werden, wie es will, Sie, liebste Marie sehen wir gewiß, wenn wir nämlich überhaupt reisen, denn Sie kommen doch sicher auf einige Tage wenigstens nach Leipzig? –
Von einer Wieder-Ansiedelung in Dresden ist nie die Rede gewesen – andere Leute wissen immer mehr, als man selbst.
Meine Befürchtungen, die ich Ihnen neulich mittheilte, sind gerade am Weihnachtstag aufgehoben worden, und war es mir |5| auch gerade an diesem Tage nicht lieb, weil ich mich gerade da durchaus nicht scho¬nen konnte, so war es mir doch die liebste Weihnachtsbescheerung. Nun lachen Sie mich gewiß aus, freuen Sich aber doch mit mir! – Der Himmel gebe nur, daß es nicht nur eine kurze Frist war! –
Der Tod von Jenny Carus hat mich recht bestürtzt, besonders be¬dauere ich recht innig die arme Mutter! welch einen Riß in dieß glückli¬che Familienleben! –
Haben Sie nie von der Gräfin Baudissin etwas gehört? was für eine Krankheit hat Bendemann gehabt? –
Wir wollen nächste Woche vielleicht in Bonn die Rose hören, unter Wasielewsky’s Leitung. Dessen Frau ist recht nett – er ist gewiß recht glücklich mit ihr, was mich gar sehr für ihn freut, denn er ist uns sehr werth geworden, und wünschte ich ihm von ganzer Seele dieß Glück.
Nun, meine liebe Marie, seyen Sie mir herzlichst gegrüßt! Will’s Gott, so auf baldiges Wiedersehen! –
Ihre
Clara Schumann.
Frl. Leser ist so ziemlich wohl.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Lindeman, Marie von (2605)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
1163-1167

  Standort/Quelle:*) D-Dl, s: Mscr. Dresd. App. 16, Nr. 22
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 

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