05.01.2022

Briefe



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ID: 14049
Geschrieben am: Dienstag 03.01.1854
 

Düsseldorf d. 3 Jan. 1854
Meine liebe Freundin,
was dachten Sie wohl von mir, daß ich zwei so liebe Briefe von Ihnen unbeantwortet ließ? gewiß nichts Böses! Sie wußten wohl, daß ich nicht konnte, wenn auch so oft gern wollte. –
Für’s erste nehmen Sie meine herzlichsten Wünsche für das neue Jahr! möchte es Ihnen Freude bringen, und vor Allem Besserung Ihrer Augen! es ist ja das Beste, was man Ihnen wünschen kann. Schreiben Sie mir nächstens darüber, was Sie vorhaben damit, und überhaupt, wie es steht.1
Bei uns ist Alles im besten Wohlseyn, nur will mir die Prosa (d. h. die Haussorgen, deren ich gerade jetzt unendlich Viele habe) nicht schmecken, nach dem schönen musikalischen Leben in Holland. Gerade 4 Wochen waren wir <d>fort, und habe ich in 24 Tagen 12 Male im Concert gespielt, und nie unter drei Mal, meist vier Mal, und noch immer Stücke zugegeben.2
|2| Ausführlich darüber zu schreiben ist mir unmöglich, doch so viel kann ich Ihnen noch sagen, daß wir überall mit gleichem Enthusiasmus und hohen Ehren aufgenommen worden sind! überall fand mein Mann Werke von sich so schön einstudirt, daß er sich nur hinzustellen und zu dirigieren brauchte.3 Von dem herrlichen Ständchen in Rotterdam haben Sie vielleicht gelesen!4 es waren über 100 Sänger mit Fackeln, die eine Stunde (trotz einer Kälte, daß ihnen beinah der Athem fror) lang sangen,5 und den Beschluß machte dann eine Deputation von etwa 10–12 Herren der holländischen musikalischen Gesellschaft, welche in den herzlichsten Worten uns in Holland bewillkommeten.6
Wir sind von dort abgereist,7 wo ich nun eigentlich erst recht hätte anfangen sollen zu verdienen, denn, als wir fortreisten, kamen |3| noch für wenigstens 4 Wochen Engagements; wir wollten aber die Kinder8 zum Feste nicht allein lassen. Leider bereute ich es, nicht fortgeblieben zu sein, denn am Weihnachtstage brachten sie mir alle Drei so schlechte Zeugnisse, daß ich die <S> schönsten Spielsachen fortpackte, und ihnen nur einige nützliche und nöthige Sachen bescheerte. Das trübte mir das Fest sehr,9 doch hatte ich anderseits wieder großes Vergnügen den Robert mit meinem herrlich gelungenen Bilde von Sohn zu überraschen, wovon er keine Ahnung gehabt hatte.10 –
1188 Marie von Lindeman
Ich lege Ihnen zu den beifolgenden Comissionen (leider muß ich Sie wieder belästigen) meine holländischen Concertzeddel bei,11 aus denen Sie Alles sehen, was ich gespielt, und auch, welche Strapatzen ich oft durchgemacht! denn ich bin oft Früh 4–5 Stunden |4| gereist, dann gleich in die Probe, die oft bis 3–4 Uhr dauerte, dann gegessen, dann zum Concert angezogen und Abends gespielt; vor 12–1 Uhr Nachts nicht zu Bett gekommen und Früh 6 Uhr wieder heraus, um dasselbe wieder von neuem zu beginnen. Manchmal dachte ich, ich würde es nicht aushalten, denn oft zeigten sich schlimme Anzeichen, wie ich sie vor meinem Fausse couche12 hatte, dazu hatte mir der Doctor schreckliche Angst gemacht, indem er sagte, ich dürfte mich gar nicht anstrengen, sonst wiederholte sich dieser Fall; alle Engagements waren aber schon fest abgemacht, sollten wir nun zu Haus bleiben! kurz, wir reisten, und Gott hat mich beschützt! – Die Zeddel schicken Sie mir wieder,13 wenn Sie mir die Sachen schicken, worum ich Sie baldmöglichst bitte, weil ich den 15ten mit meinem Manne noch nach Hannover reise,14 wo ich Einiges davon brauche.
|5| Mein Mann hat sich auf der ganzen Reise so wohl befunden, wie nie, und macht jetzt schon neue Reisepläne für nächsten Winter, so Gott will. – Ich habe Ihnen wohl noch nicht geschrieben, daß er seine Stelle hier niedergelegt hat, d. h. seinen Gehalt aber fort bezieht, bis die Contractzeit zu Ende ist. Das Comitee hat ihn so infam beleidigt, daß er den moralischen Zwang zu diesem Schritte fühlte; und so hat er nur das erste Concert dirigirt,15 und seitdem Keines. Nun ist aber der Rath und Gemeinderath gegen das Comitee aufgetreten, und sagt: wir besolden den Musikdirektor, folglich haben wir auch zu wählen, und uns fällt es nicht ein, Schumann gehen zu lassen – wir dürfen und wollen diese Schande für Düsseldorf nicht zugeben.16 Was nun werden wird, das warten wir ruhig ab, doch machen wir unsere Pläne für den Winter nach wie vor.
|6| Ich möchte wohl, ich könnte einmal mit Ihnen über diese ganze Sache sprechen – es läßt sich Vieles sagen über die Unverschämtheit hier, und wie mein Mann doch viel zu gut ist für die gemeine Welt!
Ich muß mich dem Schlusse nähern, darum noch die unleidigen Geschäfftssachen, die nun einmal auch sein müssen. Sie erhalten für die zuletzt gesandten Sachen 1 rt 21 sgr, ich lege aber <3>4 rt bei, davon bitte bezahlen Sie Alles, ziehen auch das Porto für diese Sendung ab, und berechnen es mir dann bei nächster Sendung, der ich Sie bitten möchte einige Maccaronenkuchen17 beizulegen, etwa für 1 rt, <halb> aber lieber nicht die große Sorte Tafeln, sondern kleinere Sorte (ich glaube zu 2 1/2 sgr.) Das Schemisett war mir sehr recht, aber mit dem Paß haben
3. Januar 1854 1189
Sie mir einige schlaflose Nächte verursacht, und viele |7| Vorwürfe von meinem Manne, denn er kam am letzten Tage, und ohne ihn hätten wir nicht fortgekonnt,18 und dadurch großen Schaden haben können. Nun, es ist vorüber, und glücklich! das ist die Hauptsache.
Das weiße Tuch und die Kragen ect. wünsche ich Alles gewaschen.
Ich muß mich von Ihnen trennen, liebe Marie, und mache Sie nur schließlich noch auf Brahms neue Werke19 (die freilich sehr schwer sind) sowie auf die neuen Albumblätter (Op 124 bei Arnold) und die drei Jugendsonaten (Op 118 bei Schubert) 20 von meinem Manne aufmerksam; sie werden Ihnen gewiß viel Freude machen, und Ihren guten Schülern auch. Die erste Sonate (Julie gewidmet) ist ein wahrer Schatz für Anfänger! –
Nun Adieu! 1 000 herzliche Grüße von
Ihrer
Cl. Sch.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Lindeman, Marie von (2605)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
1187-1191

  Standort/Quelle:*) D-Dl, s: Mscr. Dresd. App. 16, Nr. 27
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 

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