05.01.2022

Briefe



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ID: 14057
Geschrieben am: Mittwoch 13.06.1855
 

Düsseldorf d. 13 Juni 1855
Meine liebe Marie,
wie lange konnte ich Ihnen nicht schreiben, und nun ich’s heute thue den¬ken Sie doch vielleicht, es sey nur um beifolgender Sachen halber – doch nein, Sie kennen mich und wissen, daß es so nicht ist, sondern nur ein zufälliges Zusammentreffen. Wie so gern hätte ich Ihnen zum 26 Mai mei¬nen Glückwunsch gesandt, aber da hatte ich so furchtbar viel Abhaltung durch das Musikfest, wo eine Unzahl Musiker mich besuchten, und Einige sogar bei mir wohnten. Aber gedacht habe ich doch mit ganzem Herzen an Sie, und, nicht wahr, Sie nehmen auch noch jetzt meine innigsten Wün-schen liebend an – möge Gott vor Allem Ihnen Ihre völlige Augenkraft schenken, und dauernd. |2| Wie mag es Ihnen wohl wohl [sic] jetzt damit gehen? bitte schreiben Sie mir dieß bald.
Was soll ich Ihnen von mir sagen! meine Gesundheit ist leidlich, aber die Sorgen schwer! denken Sie sieben Kinder, von Denen Drei in Pension sind, einen kranken Mann zu erhalten – das ist kein Spaß, und im Som¬mer, wo fast Nichts zu verdienen ist, das ist schrecklich schwer, und ich kann mich durchaus nicht entschließen meines theueren Mannes kleines Kapital anzugreifen, denn thäte ich dies, so schwände es bald zu Nichts zusammen. Hier wundert man sich sehr, daß der König von Sachsen gar nichts zu meiner Erleichterung, die wir doch Landeskinder sind, thut. Man hat mich schon öfter aufgefordert mich deshalb an <E> einflußreiche Leute in Dresden zu wenden, und wohl wüßte ich, daß Carus dies ganz gut machen könnte, aber ich kann dies nicht, obgleich ich mich gar nicht schämte, von meinem Könige dies anzunehmen.
Von meinem geliebten Robert kann ich Ihnen leider heute nicht viel Gutes sagen. Er befand sich bis vor 7 Wochen sehr wohl, arbeitete aber so viel, trotz allen Zuredens der Aerzte war er nicht zur Schonung zu be¬wegen, so daß er plötzlich wieder Gehörstäuschungen bekam, und Folge |3| dessen jetzt so angegriffen ist, daß er wenig oder nichts arbeiten kann, und denken Sie, wie hart, seit 5 Wochen sah ich schon keine Zeile mehr von Ihm. Mit dem Arzt sprach <ab > ich aber neulich, und Derselbe versicherte mir, daß er dieser Störung durchaus kein Gewicht beilege, es sey nur ein Aufenthalt in der Genesung, die er, gehe sie <auch> auch sehr langsam, doch sicher hoffe zu bewerkstelligen, soweit solches überhaupt von Menschen zu berechnen. Dies hat mich nun doch sehr beruhigt, aber gefaßt bin ich noch auf lange Zeit! – Schwer, unendlich schwer ist es.
Wie geht es Ihnen mit den Stunden? hier ist allgemeine Ebbe, ich habe fast Keine, Brahms, mein lieber treuer Freund, ebenfalls Keine (d. h. eben nur sehr wenige) Frl. Schönerstedt kann auch Keine bekommen, dazu der Sommer, wo es ohnehin nichts ist.
Die Peri wollte ich wohl wünschen daß Sie sie von der Lind gehört – das war eine Peri, wie sie nicht gleich wieder gehört wird. Sonst aber war das Fest nicht eben das vollendetste, denn die Orchestersachen gingen sehr mangelhaft.
Werde ich Sie im Winter, d. h. im October etwa wieder sehen? nach Leipzig gehe ich doch wohl wieder mit Joachim, vielleicht schon Ende October.
|4| Haben Sie von meiner Familie irgend Etwas gehört? ich lese, daß meine Schwester in Triest ist. Ist mein Vater mit ihr?
Wollen Sie, liebe Marie, beifolgende Sachen waschen lassen – es kos¬tet mich hier doch viel mehr. Auf beiliegendem Zeddel steht Alles genau verzeichnet. Aber wäre es irgend möglich, daß ich wenigstens die Kragen bis in 8 Tagen zurück hätte, so wäre mir dies sehr erwünscht.
Frl. Leser geht es gar nicht gut – das Ohrenbrausen will nicht wei¬chen, und macht sie furchtbar nervös.
Meine Kinder sind Alle sehr munter, und Felix ein ganz prächtiger Junge geworden. Vorgestern war er ein Jahr.
Nun, meine liebe Freundin, seyen Sie mir herzlichst gegrüßt, und ge¬denken Sie immer freundlich
Ihrer
Clara Schumann.
Frl. Leser und Familie grüßen schönstens.
NB: D. 14. So eben erhalte ich eine Einladung auf 14 Tage nach Detmold, um dort die Prinzessin zu unterrichten, und bitte Sie schönstens mir die Kragen und das weiße Crepptuch so bald als irgend möglich nach Detmold, wohnhaft im fürstlichen Schloß, zu schicken, die Kleider aber hierher. Sonnabend erhalten Sie die Sachen, Montag wäscht die Heflen gewöhnlich, so kann ich die Kragen wohl bis Ende nächster Woche haben.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Lindeman, Marie von (2605)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
1206-1209

  Standort/Quelle:*) D-Dl, s: Mscr. Dresd. App. 16, Nr. 34
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 

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