05.01.2022

Briefe



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ID: 14071
Geschrieben am: Dienstag 05.09.1871
 

Baden 5 Septb 1871
Liebe Marie,
herzlich habe ich mich über Ihren lieben Brief gefreut und will Ihnen wenigstens einen Dankesgruß dafür senden. Sie wissen, wie sehr meine Zeit in Anspruch genommen und so muß ich mich denn beschränken auf einige kurze Nachrichten über uns, die zu vervollkommnen ich nächsten Winter hoffe. Ich denke, ich werde doch wohl einmal im Laufe desselben nach Dresden kommen und freue mich, Sie dann zu sehen.
Wir sind kürzlich erst von St. Moritz, wo ich Luftcur gebraucht, zu¬rückgekehrt; Marie und Felix welche mitwaren, besuchten von dort aus, Julie in Turin, und Marie |2| konnte nicht genug erzählen, wie glücklich sie ist. Der Kleine muß gar lieblich sein und jetzt hat er seit 14 Tagen wie¬der ein Brüderchen – der Älteste heißt nach seinem Großvater väterlicher Seite Eduard, das zweite soll Robert heißen. Ferdinand, welcher jetzt bei uns ist und welchem der Krieg sehr gut bekommen ist trotz all’ den Stra¬pazen, war auch bei ihr und nun ist stark die Rede davon, daß auch ich zu ihr soll, Julie und ihr Mann bestürmen mich schon seit lange deshalb. Wenn ich es thue, so würde es wohl im October sein und ┌werde┐ ich dann von dort Anfang November nach Wien gehen. Ich fange jetzt schon wieder an, meine Concert-Arrangements für den Winter zu machen und auch dafür zu studiren.
|3| Ferdinand tritt nun vom 1ten October an selbstständig in das Geschäft in Berlin, wo er gelernt. Felix wird sein Abiturienten Examen machen zu Ostern, was dann, weiß ich noch nicht, hoffe aber sehr, daß er studieren wird, vor Allem aber, daß er die Idee, Musiker zu werden, aufgiebt; denn ein sogenannter „tüchtiger Musiker“ zu werden, was er wohl erreichen könnte – denn er hat Talent – würde doch weder ihn später noch mich be¬friedigen. Ein Sohn Robert Schumanns kann nur Musiker werden, wenn er Genie hat; also besser, er läßt es bleiben.
Eugenie, welche bei uns ist, macht uns augenblicklich Sorge durch einen äußerst bleichsüchtigen Zustand, der sie |4| natürlich auch an je¬dem ernsten Studium der Musik hindert. Es ist das eine doppelte Sorge für mich, da sie später doch mal, wenn sie sich nicht verheirathet durch eine musikalische Wirksamkeit ihr Fortkommen finden muß.
Wovon ich zuerst hätte anfangen sollen, das kommt jetzt zum Schluß, daß ich nämlich die herzlichste Freude hatte über Ihre guten Nachrichten und daß Sie sich immer geistig frisch erhalten trotz der schweren Prüfung, die Ihnen auferlegt ist. Das ist die herrliche Musik, die auch Sie sanft über so manches Schwere hinwegträgt, und in andrer Weise nicht weniger die treue Freundin, die Ihnen zur Seite steht und die ich herzlichst grüßen lasse.
Ein fataler Schmerz in meinem Finger der rechten Hand hinderte mich, Ihnen eigenhändig zu schreiben; nichts destoweniger war ich mit all meinen Gedanken jetzt bei Ihnen und bin es oft; das mögen Sie über¬zeugt sein
von Ihrer getreuen Clara Schumann

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden-Baden
  Empfänger: Lindeman, Marie von (2605)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
1244-1246

  Standort/Quelle:*) D-Dl, s: Mscr. Dresd. App. 16, Nr. 48
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 

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