15.07.2019

Briefe



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ID: 14107 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 05.02.1861
 

Detmold, den 5. Februar 1861, abends.

Mein lieber Johannes,

ich kann den Bargheer nicht nach Hamburg gehen lassen, ohne Dir ein paar Worte mitzuschicken – ach, könnte ich selbst mit. Zu schreiben habe ich wenig, könnte ich Dir aber mein ganzes volles Herz ausschütten, Aug' in Auge, Du müßtest wohl lange zuhören, und wäre es doch nur das, was Du selbst am besten weißt. Ich denke, Du ahnst, daß ich von den Mozartschen Concerten spreche, die ich beide mit einem unbeschreiblichen Entzücken gespielt. Mein erstes Gefühl dabei war, könnte ich Dich umarmen zum Dank dafür, daß Du mir diese Genüsse verschafft! Welche Musik ist das, diese Adagios! Ich konnte mich bei beiden der Thränen nicht erwehren, namentlich ergriff mich das C dur-Adagio aufs tiefste – Himmelswonne durchströmt einen da. Die ersten Sätze wie prachtvoll, der letzte vom A dur, ist das nicht, als ob lauter Funken aus den Instrumenten sprühten – wie lebt und webt das alles ineinander. Doch genug – ich meine, ich könnte nicht aufhören davon, und dann ist’s doch nur ein schwacher Ausdruck dessen, was ich empfinde. Ich wollte Dir das G dur-Concert zurückschicken, mir ist aber, als müßte ich es festhalten. Könnte ich es doch bald wieder spielen. Recht betrübt ist es, daß das Publicum keine Ahnung von der Herrlichkeit dieser Musik hat, das sitzt dabei theilnahmlos, während unsereins die ganze Welt umarmen möchte vor Entzücken, daß es solchen Menschen gegeben.
Bargheer kann Dir erzählen, was es sonst hier gegeben – sie haben mir gestern recht hübsch vorgesungen, und über das Orchester habe ich mich wahrhaft gefreut, wie das so discret begleitet und so musicalisch fix.
Mein Concert im Theater war diesen Abend, es war voll, das Publicum wie in allen kleinen Städten. Fürstens sind sehr nett alle gegen mich gewesen, sogar die junge Fürstin einige Male ganz herzlich, aber jeden Abend mußte ich da sein, nur heute lehnte ich entschieden ab. Mit der Prinzeß spielte ich gestern und heute Deine Serenade – es ging zuletzt ganz hübsch, freilich war es wohl etwas Geduldsprüfung, aber ich dachte dabei an den lieben Musikanten und wurde warm.
Morgen gehe ich nach Düsseldorf und bleibe dort wohl bis zum 17. Höre ich bald von Dir? Im Walde war ich wieder gestern mit Marie, es war wundervolles Wetter, die Sonne wie im Frühling. Ich pflückte Dir einige frische Pflänzchen und sende sie Dir und recht viel liebe Gedanken dabei!
Herzinnig
Deine Clara.
Schreibe bald, lieber Johannes, Grüße an die Deinigen, auch von Marien.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Detmold
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
  Empfangsort:
 



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