19.12.2019

Briefe



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ID: 1415 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 01.05.1855 bis: 10.05.1855
 

Hochverehrte,
Verzeihen Sie, längeres Unwohlsein war die Schuld meines langen Schweigens. Und Frühlingsboten haben Sie mir zugesendet, ein Fest bereitet, durch die Ehre des Besuches, dem ein gütiger Brief folgte. Noch erinnere ich mich noch der dichterischen Studien von Adalbert Stifter, namentlich des Hochwald und der Narrenburg. Sein Bildniß gleicht ihm sehr; in Wien war war ich mehremal in Gesellschaft mit ihm bei Frau von Pereira und in unsrer eigenen Wohnung, ihn zu einer musikalischen Matinee einladend. An jenem Musikmorgen vereinigten sich viele Dichter und eine Sängerin: Jenny Lind, von Eichendorf, Grillparzer, von Zedtlitz, von Bauenfeld und viele andre. In meine Stille sendet mir meine theure Frau immer Freuden durch ihre Briefe und viele Musikwerke, so von Johannes Brahms; wie tiefer in seine Musik versenkt, wie höher verklärt sich sein Genius; so von Joachim, wunderbarer Held, seine Schöpferkraft die virtuosische überragend; so von Woldemar, der ganz geniale Musik geschaffen. Im J. 1853 dachte ich daran, unter dem Namen: „Dichtergarten für Musik“, was in den ersten Dichtern und Dichterinnen über Musik, wie sie auf jene wirkt, wundersam wirkt gleich einer Himmelsprache, zu lesen und in ein Ganzes abzuschließen. Das Herrlichste und Reichste haben Martin Luther, Shakespear [sic], Jean Paul und Rückert gespendet. Diese zumal sollten auch den ersten Theil des Dichtergarten bilden; den zweiten die Heilige Schrift bis auf die Gegenwart. Schon in den ältesten Urkunden, in der heiligen Schrift wird der Musik erwähnt. Zur höchsten Blüth[e] gelangte der Tempelchorgesang zu D[avid]’s Zeiten (1070 v. Chr). Auch Salom[o war] ein großer Beschützer der Musik. „Un[d er redete] drei tausend Sprüche, und seiner Lieder waren tausend und fünfe“. J. Sirach sagt auch die weisesten Sprüche: „Irre die Spielleute nicht. Und wenn man Lieder singt, so wasche nicht drein; und spare deine Weisheit bis auf andre Zeit. Wie ein Rubin in feinem Gold leuchtet: zieret ein Gesang das Mahl. Wie ein Smaragd in schönem stehet: also zieren die Lieder bey’m Wein“. In Homer, Hesiod, Pindaros, der Minnesangzeit, dem „Wunderhorn“, Klopstock, Göthe (wie bei Shakespeare) Schiller, Novalis, Lord Byron, Th. Moore und unzählich vielen Andern. Bei Göthe hätte man nennen können ein herrliches Kind, wenn es dichtet: „O glaub’ gewiß, daß wahre Musik übermenschlich ist. Der Meister fordert das Unmögliche von den Geistern die i[hm] unterworfen sind, – und siehe es ist m[öglich,] sie leisten es“. Göthe giebt darauf [eine] Antwort, wie Er nur kann. Erfreuen würde es mich, wenn Sie, Hochverehrte, die Gesänge der Frühe von meiner Clara hörten. Sie wird Ihnen auch die Gesänge zusenden. Wollten Sie Ihr Wohlwollen noch lange mir gönnen, – wieder und wieder für die Frühlingsboten und den gütigen Brief dankend
Ihr
ergebener
Robert Schumann.

  Absender: Schumann, Robert (1455)
  Absendeort: Endenich
  Empfänger: Arnim, Bettina von (105)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 17
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1832 bis 1883 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-028-5
64ff.
 



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