15.07.2019

Briefe



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ID: 14304 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 04.11.1888
 

Lieber Johannes,

Dein gestriger Brief mahnt mich stark an meine Schuld! Verzeihe, wenn ich dir erst heute für den vorletzten Brief danke. Du weißt es ja, was alles auf mir liegt, die Zeit reicht eben nicht mehr ausl - vor allem laß Dir nun sagen, wie ich mich auf die Sonate freue, und bitte ich dich, die Herzogenberg zu veranlassen, daß sie sie mir gleich schickt! - Es wäre reizend, könnte ich sie mit Joachim in Berlin spielen. Wenn sie nur nicht zu anstrengend ist, daß ich sie noch lernen kann? Hier ist nun alles vorüber, und, so froh ich bin, daß es vorüber, so möchte ich nichts von dem missen, was ich in dieser Zeit erfahren habe. - Leider drücken wieder neue schwere Sorgen auf mir, und zwar um Eugenie, die infolge von Franzensbad recht elend ist – es war eben zu naß und kalt, und sie hätte die Kur gar nicht gebrauchen sollen. Dann auch gibt es um Ferd[inand] immer neue Sorgen. Jetzt wird er auf Anrathen Oertels massiert, schreibt nun aber, daß er auf eine unbeschreibliche Art malträtiert werde und seitdem ganz und gar nicht mehr gehen könne. Da habe ich nun eine Bitte an Dich; der Arzt nämlich, Dr. Schreiber, ist in Österreich sehr bekannt, hat bei Aussee im Sommer eine Anstalt, und könntest Du vielleicht durch Billroth erfahren, ob er ihn als zuverlässig kennt, oder ob er ein Charlatan? Es versteht sich, daß ich im ungünstigen Falle diskret bin – mir liegt alles daran, offen zu sehen - denn dem Kranken selbst kann man nicht immer glauben. Neulich hat mir Antonie Speyer alle Deine neuen Lieder vorgesungen, von denen einige mich ganz entzückt haben. Z. B. Nr. 1,2 und 3 in Op. 105. Dann in Op. 106 meine Lieder, ferner Maienkätzchen - manche muß ich noch öfter hören. Sehr interessant finde ich ,auf dem Kirchhof‘ aber, es ist mir zu furchtbar traurig! – Heute hören wir wieder bei Stockh[ausen] (er gibt ein Liederconcert) die Zigeunerlieder, worauf ich mich sehr freue. Willst Du wohl so gut sein Inliegendes an Eppstein zu besorgen -ich weiß seine Adresse nicht. Beiliegend der Brief, dessen Bezug zu ihr, der Fillu, dieser nicht klar wurde - sie sagte, sie habe von Dir keinen Brief zu erwarten gehabt, und wisse nicht was Du meinst. Ich muß nun schließen und bitte Dich, lieber Johannes, mache, daß ich bald die Sonate bekomme! – Von Herzen grüßt Dich
Deine
alte
Clara

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Brahms, Johannes (246)
  Empfangsort:
 



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