05.01.2022

Briefe



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ID: 14370
Geschrieben am: Donnerstag 03.04.1851
 

Düsseldorf d. 3 April 1851
Liebe Marie,
wie sehr erfreut haben Sie mich durch Ihre letzten lieben Briefe, und wie sehr auch durch Ihr freundliches Geschenk, obgleich ich Sie bitte ferner solche Ausgaben zu unterlassen; das liebste Geschenk von Ihnen ist mir immer Ihre Theilnahme und Anhänglichkeit an mich, die Sie mir durch recht häufige Briefe immer beweisen können. Uebrigens kann ich Ihnen versichern, daß mich Ihre zarte Aufmerksamkeit, mit der Sie sogar die Gelegenheit, die erste Stunde von mir zu feiern, ergriffen, um mir einen Liebesbeweis zu geben, wahrhaft gerührt hat. Haben Sie innigsten Dank für Dies, wie vieles Andere! –
Ich schrieb Ihnen recht lange nicht, doch war’s wahrhaftig nicht mei¬ne Schuld! ich konnte nicht, denn ich hatte gar zu viel zu thuen. Ich habe |2| (verzeihen Sie, ich habe, wie ich eben merke, den Brief auf der ver¬kehrten Seite angefangen) viel Schülerinnen, und das nimmt Einem viel Zeit. Vor einigen Tagen kam eine kleine 11 jährige Engländerin auf ein halbes Jahr zu mir, mit der ich leider von vorn anfangen muß, da sie durch schlechte Lehrer gänzlich verdorben ist. Nanette Falk ist auch noch hier mit ihrer Schwester, die auch ein hübsches Talent hat, und wahrschein¬lich zu ihrer Ausbildung noch länger hier bleibt, während Nanette im Mai zurückreist. Zwei Damen aus Elberfeld kommen wöchentlich einmal zur Stunde, außerdem sind noch einige Hiesige, die Stunden nehmen, kurz, meine Zeit ist sehr gemessen; mehr wie drei Stunden täglich halte ich nicht aus, und die spannen mich schon sehr ab. Ich habe aber einige Schülerin¬nen, die mir viel Freude dadurch geben, daß ich sie <von> auf den rech¬ten Weg gebracht habe, und ihren Sinn für das Gute und Schöne in der Kunst empfänglich gemacht. Unser nächstes Concert wird am Palmsontag stattfinden und darin die Johannis-Passion von Bach zur Aufführung kom¬men, woran wir denn jetzt |3|tüchtig studieren. Das vergangene Concert war meines Mannes Eigenes: das Programm Folgendes: Ouvertüre zur Braut von Messina, (äußerst tragisch und ergreifend! man sieht ordentlich die feindlichen Brüder in ihrem unauslöschlichem Hasse, dazwischen die unglückselige Beatrice mit ihrer traurigen Liebe, die so weich und weh¬müthig durchklingt) – Concertstück, von mir gespielt, (wurde mit großem Enthusiasmus aufgenommen, besonders waren Alle von der Composition entzückt). Drei Scenen aus dem ersten Theile des Faust (die Schlußscene im Dom von der aller erschütternsten Wirkung, die Sie Sich denken kön¬nen, sowie auch das „Ach neige“ höchst ergreifend) – Sonate Cis moll von Beethoven, Nachtlied (von Hebbel gedichtet) Chor und Orchester (ein reizendes Stück) – „Gespenstermärchen“ und „Springbrunnen“ aus dem 4händigen Album (mit Nannette) – Lieder von der Schloß gesungen, und zum Schluß die neue Symphonie, auf Verlangen wiederholt und mit Begeisterung gespielt und aufgenommen. Was das für eine Wonne für mich war, diese herrlichen Sachen Alle zu hören, das können Sie, die Sie das Herz am rechten Flecke, beurtheilen – mir wars |4| als wäre ich im Paradies! wäre es mir doch vergönnt, die Zeit noch zu erleben, wo diese Sachen die wahre Anerkennung finden, die meiner Ueberzeugung nach kommen wird, wenn auch erst in 15–20 Jahren! – Neulich schrieb meinem Manne ein Herr aus Bordeaux, der mit seinen Sachen auf das genaueste vertraut schien, und jetzt nun wieder im Clavierauszug der Genovefa schwärmt, er könne nicht begreifen, wie die Recensenten der Oper den Vorwurf des zu wenig Dramatischen machen können, er meine, man kön¬ne eher sagen der dramatische Fortgang wäre hier und da zu schnell, man wünschte wohl auch einmal bei einem Musikstücke zu verweilen – er sagt dann auch, daß diese Oper seiner Ansicht nach zu den Herrlichsten, die wir besitzen, gehöre, und griffen die Bühnen nicht darnach, so habe man einen Schatz immer noch an der Musik. Das freut Einen nun; wenn man einmal zwischen all dem dummen Zeuge, was so die Recensenten sagen, so ein gesundes und richtiges Urtheil hört, und zwar aus einem entfernten Winkel Frankreich’s, und von Einem, der uns gänzlich fremd ist, den also wirklich nur die Liebe zur Sache und wahre Verehrung für Robert treibt, ihm zu schreiben.
|5| Diesen neuen Bogen will ich nun mit einigen Geschäfftsangelegen¬heiten beginnen, und da bekommen Sie nun wieder zu thuen für mich! doch ┌Sie┐ wollen es so, und Sie wissen, welchen Gefallen Sie mir dadurch erzeigen. – Sie erhalten hierbei 2 Hüte, den Einen (blau gefüttert) tra¬gen Sie, bitte, zur Caroline Löschke, wohnhaft in der Pfarrgasse Nro 7, 2 Treppen, und sagen ihr, sie möchte das Futter heraustrennen, dann den Hut umnähen lassen, da die Form so altmodisch ist, daß ich mich nicht darin kann sehen lassen, und ihn dann wieder blau füttern und mit Tüll inwendig, wie er jetzt ist, nur den Tüll<e> inwendig einige Male öfter gezogen. Aufputzen soll sie ihn nicht, auch nicht waschen lassen, denn er ist noch ganz proper. Den anderen feinen Hut geben Sie gefälligst an Julie Walther, bei der ich ihn im vorigen Jahre gekauft; sie möchte ihn recht schön waschen lassen, und mir ihn recht schön aufputzen, wie es jetzt Mode ist, inwendig <?> am liebsten mit Bandschleifen oder nur Schlup-ferln und Tüll dazwischen, jedoch das nicht zu hoch oben nach der Stirn zu, das liebe ich nicht; ich glaube am feinsten macht es sich, wenn er mit weißem Bande recht leicht aufgeputzt ist. Dann bitte ich Sie aber, vorher ihr zu sagen, |6| daß, wenn sie mir den Hut zu theuer berechnet, ich ihr Keinen mehr schicke oder abkaufe. Daß ich ihn überhaupt schicke thue ich deshalb, weil alle diese Luxus-Artikel hier doppelt theuer, und gar nicht geschmackvoll sind. Erwartet sie vielleicht erst neue Moden, so ist es mir egal, wenn ich auch 4–6 Wochen warten muß – nur hübsch möchte ich ihn, vor allem ja nicht steif, denn das können sie hier auch. Außer¬dem schicke ich Ihnen ein Taschentuch, daß [sic] Sie gefälligst an Ber¬tha Duck<wisch> witz, wohnhaft auf der Ziegelgasse (Stickerin) zum Ausbessern geben wollen. Und das Andere Alles ist an die Heflen zum waschen (am Zwinger Nro 3) und ausbessern, es sind ächte Spitzen für eine hiesige Bekannte von mir dabei, die sie ja recht schön waschen möchte, und Jedes Stück besonders berechnen. Sie sind wohl so gut, und merken Sich, was Sie ihr gegeben. Haben Sie Alles wieder beisammen, so schicken Sie es mir unfrankiert und mit Beilegung Aller Rechnungen; wenn Sie so freundlich wären Alles gleich zu bezahlen, und Sich quittieren zu lassen, so wäre mir dies am liebsten.
Wollen Sie beifolgenden Brief an Emilie geben, und ihr Dies oder Jenes |7| aus Diesem mittheilen? –
Schließlich seyen Sie mir noch recht herzlich gegrüßt und umarmt, grüßen Sie alle Freunde, die sich unserer noch erinnern, und zürnen Sie nicht um all die Mühe die Ihnen wieder von Neuem verursacht
Ihre
wahrhaft ergebene
Clara Schumann.
D. 4
Sie erhalten nur den einen Hut für die Walther, den Anderen zog ich vor hier ändern zu lassen – er ist den Transport nicht mehr werth. –
Mein Mann hat nun aber noch eine Bitte an Sie; ob Sie wohl die Güte haben wollen zu Herrn Bartheldes zu gehen und ihn zu fragen, ob er die Sache mit Härtels abgemacht habe. Mein Mann hat nämlich 2 Rechnungen für den Chorverein, Eine vom Mai 1849 für das Paradies und die Peri, und Eine vom Jahr 1850; die Erste beträgt netto 10 rt 17 sgr 6 pf und die Zweite 15 rt 1 sgr 6 pf. Die Zweite weiß er genau nicht von Herrn Bartheldes erhalten zu haben, doch von der Ersten weiß er es nicht genau, und läßt Sie daher |8| ┌bitten┐ Sich von Herrn Bartheldes, falls er Erstere an meinen Mann bezahlt, die Quittung von meinem Manne zeigen zu lassen, damit mein Mann endlich weiß, woran er ist, die Zweite Rechnung aber doch sogleich an Härtels zu entrichten. Bitte, wollen Sie das besorgen?
Nochmals Adieu! verzeihen Sie das Viele! wer weiß, kommt nicht noch ein Anhängsel! –
Sonntag d. 6 Wirklich noch eines! ein Brief noch, den ich Sie bitte an Frau Bendemann, Halbegasse Nro 3 zu besorgen. Heute will ich aber den Brief endlich zumachen, sonst bekommen Sie noch so viel für mich zu thuen, daß Sie Ihre Schüler entlassen müssen.
Addio zum siebenten Male!
Ihre Cl. Sch.
NB: Was ich Ihnen so über meines Mannes Compositionen schreibe, nicht wahr, das bleibt immer unter uns, denn der Welt gegenüber, darf ich das als Frau nicht thuen! –

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Lindeman, Marie von (2605)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
1113-1119

  Standort/Quelle:*) D-Dl, s: Mscr. Dresd. App. 16, Nr. 3
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 

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