15.07.2019

Briefe



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ID: 14691 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 03.11.1880
 

Frankfurt d. 3 Nov. 80.
Liebste Frau Berna!
Sie waren im vorigen Frühjahr, als ich einmal mit Ihnen über verschiedene meiner Schülerinnen sprach, so freundlich mir, falls meine Idee für Unbemittelte etwas zu sammeln zur Ausführung käme, auch eine kleine Beisteuer zu versprechen. Ich sende Ihnen inliegend ein offenes Schreiben, in welchem ich ausführlich den Zweck dieser Sammlung darlege. Behalten Sie diesen Brief, und, haben Sie Gelegenheit ihn Jemanden, von dem Sie denken können, dass er sich dafür interissiren würde, zu zeigen, so thun Sie es, bitte; es ist gewiss ein guter Zweck. Ich habe einen eben solchen Brief auch an Herrn Kissel u. Herrn Ladenburg gerichtet, die sich auch in ihren Kreisen dafür interissiren wollen. Ich möchte mich nicht direct an die Bekannten wenden, die mir weniger nahe stehen wenden, damit diese sich nicht verpflichtet glauben – um so weniger möchte ich es, als Stockhausen jetzt die Leute so vielfach in Anspruch genommen hat.
Ich hoffe, wir sehen Sie bald wieder in der Stadt, u. Sie schenken uns dann ein gemüthliches Stündchen.
Mit herzlichen Grüssen von uns Dreien
Ihre
alt ergebene
Clara Schumann.

Wegen müden Arm dictirt
An Betty schönen Gruß und Dank f. d. frdliche Gedenken.


[Beilage]

Frankfurt a/m d. 3ten Nov. 1880.
Liebe Frau Berna!
Anknüpfend an ein Gespräch, welches ich im Frühjahr mit Ihnen hatte, möchte ich Ihnen hierdurch schriftlich noch einmal meinen Wunsch vortragen.
Ich habe in meiner langjährigen Lehrerpraxis häufig die Erfahrung gemacht, dass junge Talente zu keiner freien Entfaltung kommen konnten, weil sie in der Zeit ihres Studiums dauernd unter dem Drucke äusserer Verhältnisse lebten. Den meisten Schülern stehen nur geringe Mittel zu ihrer Ausbildung zu Gebote; sie müssen also entweder ihr Studium sehr abkürzen, und überanstrengen sich in der ihnen kärglich zugemessenen Zeit um so mehr, je ernster ihr Streben ist, oder sie versuchen diesem Uebelstand dadurch abzuhelfen, dass sie in billigen Pensionen leben, in denen sie schlecht verpflegt werden. Die Folgen hiervon zeigen sich bald in mangelnder Gesundheit, und dem Lehrer wird dann das Leid, sie entlassen zu müssen, nachdem er sie kaum in die richtige Bahn geleitet hat. In den zwei Jahren meiner Wirksamkeit am Hoch’schen Conservatorium hier, hatte ich mehr denn je Gelegenheit dergleichen Erfahrungen zu machen, und so kam mir der Gedanke, ob ich es nicht wagen sollte einige wohlgesinnte Kunstfreunde um eine kleine Beisteuer zur Unterstützung solch unbemittelter Schüler anzusprechen. Es versteht sich, dass dieselbe nur den Schülern meiner Classe zu Theil wird, die sich durch Talent und Fleiss auszeichnen.
Herr Commerzienrath Emil Ladenburg, Guiollettstr. No 17 hat sich zur Annahme und Verwaltung der einlaufenden Gaben freundlichst bereit erklärt.
In der Hoffnung, dass es Ihnen gelingen möge, einige Ihrer Bekannten für diese Sache zu interessiren, bleibe ich, liebe Frau Berna
Ihre
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Oriola, Marie von, geb. Christ, verh. Berna (2699)
  Empfangsort:
  SBE: II.12, S. 503ff.
 



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