19.12.2019

Briefe



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ID: 14776 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 05.03.1856
 

Prag d 5 März 1856.

Liebes verehrtes Fräulein,

welche Freude haben Sie mir gemacht durch Ihren theueren Brief und Ihre schönen Geschenke an meinen geliebten Mann! ich kann mich nun gar nicht beruhigen, daß ich erst jetzt erfuhr, was meiner so lange schon zu Hause wartete. Freund Brahms, der vor einigen Tagen nach Düsseldorf zurückkehrte, fand dort alles Liebe von Ihnen, und sandte es mir, d. h. den Brief – die Bücher werde ich bis in etwa 14 Tagen zu Hause finden, und dann gleich Ihm senden, der Möhrike auch sehr liebt. Wie wird Ihn Ihre Güte erfreuen! Nehmen Sie tausend Dank dafür. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie innig ich bedauert, daß Sie vor Weihnachten nicht in Berlin waren – hätten Sie mich doch wenigstens wissen lassen, daß Sie im Concert waren! leider erfuhr ich es erst andren Tages.
Wissen Sie, liebes Fräulein, daß ich eigentlich gar keinen Muth habe Ihnen zu schreiben! Sie können so herrlich es aussprechen, wie Sie fühlen, ich aber kann’s nicht – viel eher wollt’ ich’s in Tönen! – Das Mozartfest mag recht schön gewesen sein in Berlin, und wie Sie es so innig zart beschreiben, könnte man wirklich meinen die Engel wären vom Himmel herab gekommen, den geliebten Meister mit zu feiern! leider war es in Wien gar nicht erhebend, denn die Aufführung aller Stücke war höchst mittelmäßig – Liszt ist kein Dirigent, und soll ich offen sein, so muß ich sagen, man hätte gerade zu diesem Feste keinen Unwürdigeren wählen können – für Ihn ist Mozart längst überwundener Standpunct. Sie haben Recht, wenn Sie die ganze Wagner-Angelegenheit eine fixe Idee nennen, möchten nur Liszt und seine Jünger nicht so viele Menschen damit erschrecken! mich ekelt es förmlich an, davon zu hören, ich lese auch Nichts mehr darüber, überhaupt nicht über Musik mehr, es ist zu wenig Erfreuliches. Sie schreiben mir gar nichts, wie es Ihrer Frau Mutter geht? ich hoffe, sie hat sich ganz wieder erholt! wollen Sie mich Ihr in liebster Verehrung empfehlen. Mein guter Mann befindet sich leider noch immer nicht besser, zwar hat er einmal wieder Etwas componirt, jedoch die eigentliche Krankheit sitzt so hartnäckig fest, daß ich oft ganz muthlos bin. Wüßte ich einen anderen besseren Ort für Ihn, gleich brächte ich Ihn dahin, doch fürchte ich so sehr Ihm nicht dadurch zu nützen, im Gegentheil entsetzlich zu erregen durch eine Reise. Darf er doch Niemand jetzt sehen, verlangt es auch nicht, um wie viel weniger reisen! Sie haben jedenfalls erfahren, wie er im Frühjahr, gleich nach Ihrem Besuche wieder so krank wurde! denken Sie, daß ich seitdem keine Zeile mehr von Ihm erhielt, obgleich ich Ihm immer schrieb, und er meine Briefe mit Freude las. Er versucht das Schreiben oft, kann aber nicht. Welch tiefer Kummer so oft mein ganzes Herz erfaßt, glauben Sie mir gewiß, und wie schwer mir es wird, getrennt von Ihm und Allen, die mir lieb, in der Welt herum zu wandern. Ich finde überall so viel Freunde, bin überall von Liebe umgeben, aber gerade, wenn es mir recht gut geht, fühle ich das Alleinseyn um so bitterer – ich meine oft, ich könne leichter den Schmerz allein tragen, als so viel Gutes und Liebes! In Wien hat man mich wirklich auf Händen getragen, was mir aber einzig und allein Wonne schaffte war die große Anerkennung für den verehrten Mann zu sehen – meine Seele jauchzte und weinte zugleich; Sie verstehen’s! so lebe ich denn ein viel bewegtes Leben innerlich und äußerlich; daß ich es so ertrage, ist nur die Gewalt der unendlichsten Liebe! der Gedanke einstens vielleicht wenn’s der Himmel will, von Ihm einen milden Blick der Zufriedenheit zu erhalten, Ihn vor äußeren Sorgen so viel möglich bewahrt zu sehen, das gibt mir Muth Alles zu thuen! Wie hat mir so wohl gethan, was Sie, theuere Freundin, von Ihm mir so liebreich aussprachen, dieß muß mich auch bei Ihnen entschuldigen, wenn ich so vertrauensvoll mich Ihnen nähere. Anfang April gehe ich nach London, und hoffe in 14 Tagen spätestens den theueren Joachim zu sehen. Ich war jetzt 14 Tage in Pest, wie viel habe ich dort Seiner gedacht! mir kam’s immer wie ein Unrecht vor, daß ich die Freude dort zu sein ohne Ihn genoß; seine Eltern lernte ich auch kennen, und gewann seinen Vater besonders lieb, wenngleich sie in ganz anderen Sphären sich bewegen. Herrlich sind die Schwesterstädte, Ofen und Pest, verbunden durch die wunderbarste Kettenbrücke, anzusehen; wie dahin gezaubert erscheint Einem diese Brücke, so luftig und leicht wie sie über den großen Strom führt – man meint, sie könne auch eben so wie durch [Zauber] verschwinden –. Sie sahen sie vielleicht Selbst? Mit Schrecken sehe ich, daß ich immer muthiger geworden; so lassen Sie mich Ihnen denn zum Schluß noch sagen, wie ich Sie und Ihre liebe Frau Mutter so recht mit ganzer Seele verehre und liebe, und wie ich mehr, viel mehr an Sie denke, als Sie es vielleicht glauben; Sie stehen meinem Herzen näher, als Sie es wissen können, doch, nun will ich wirklich schweigen. Haben Sie freundliche Nachsicht, und bewahren mir Ihr gütiges Wohlwollen.
Ihre herzlich ergeb
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Prag
  Empfänger: Arnim, Gisela von, verh. Grimm (15212)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 17
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1832 bis 1883 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-028-5
75ff
 



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