19.12.2019

Briefe



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ID: 1588 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 21.07.1849
 

Verehrter Freund,
Sie waren so freundlich, mich mit in die Berathungen für die Göthefeier zu ziehen – da wende ich mich denn an Sie, Ihnen mein großes Bedauern über die sich gestern kundgebende Ansicht Einzelner auszusprechen,
die nähmlich, die Musik von der Feier auszuschließen, die nach meiner Ansicht dabei nie und nimmer fehlen dürfte. Als Musiker, als Einer, der auch etwas beitragen möchte zur Verherrlichung der Feier des großen Mannes, möchte ich wenigstens zu so einem Beschluß nicht mitgewirkt haben.
Aber was bietet denn die Comité eigentlich? eine Akademie mit Vorträgen (wenigen zugänglich), ein Festessen (desgleichen), und ein zweifelhaftes Gartenfest, – während für ein Concert durch die Unterstützung bedeutender Künstler, der Capelle, der Vereine, endlich und ganz besonders durch die mögliche Auswahl der Compositionen selber, die Göthe’n in der vielseitigsten Weise als Dichter zu charakterisiren geeignet ist, die günstigsten Aussichten einer gelingenden Leistung sich herausstellen.
Möchten Sie denn diese Ansicht, die gewiß auch die Ihrige ist, in der nächsten Session empfehlen; ich selbst würde es thun, aber Sie wissen, ich bin eben kein großer Redner. Würde die Musik ausgeschlossen, so schiene es mir ein Unrecht an der Musik, als Kunst, wie an Göthe selbst begangen, der sie so hoch hielt, der es so oft ausgesprochen.
Und nun noch Eines. Sie werden vielleicht denken „aha – der will dabei gern seinen Faust aufführen“ – ja gewiß reizt mich das, gewiß möchte ich zu so seltner Feier etwas beitragen – und wenn sie singen „das Ewig-Weibliche zieht uns hinan“, so weiß ich voraus, daß mir dabei und an diesem Tage das Herz freudig schlagen wird. Aber – eben so gewiß, und noch mehr leitet mich dabei das unpersönliche Interesse, der Musik bei dieser Feier die Stelle eingeräumt zu sehen, die ihr gebührt, und die ein Singen vierstimmiger Männergesänge im Freien u. dgl. nicht ausfüllt.
Diese Zeilen, wie ich wohl kaum zu bemerken brauche, sind nur für Sie (und natürlich Bendemann,) – der Comité oder der Oeffentlichkeit gegenüber würde ich mich weniger flüchtig aussprechen müssen – und wollte eben nur, daß die in der nächsten Zusammenkunft dazu beitragen, daß nicht zu eilig ein Beschluß gefaßt würde, der gewiß kein glücklicher ist.
Freundlichen Gruß
von Ihrem
ergebenen
R. Schumann

Sonnabend.

  Absender: Schumann, Robert (15143)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Hübner, Julius (747)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
552ff.
 



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