19.12.2019

Briefe



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ID: 17254 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 26.11.1854
 

Verehrte Freundin!

Es ist natürlich, daß Sie an Ort und Stelle viel besser das Richtige ergreifen als ich es hier zu beurtheilen vermag; und so gebe ich selbstverständlich zu dem vorgeschlagenen Orchester-Concert mein „Ja“. Einstweilen wollen wir uns, jeder für sich, ein recht schönes Programm ausdenken; komme ich am 10ten nach Berlin so conferiren wir mit Bargiel und setzen jedenfalls ein’s der schönsten Concerte aus den verschiedenen Plänen zusammen; sonderbar, wenn auch nicht unmöglich wäre es, wenn wir alle drei dasselbe ausdächten! Wie thut es mir weh, daß Sie allein erst so abscheuliche Preludien auf der Concertgeber-Tastatur durchzumachen haben; wäre ich nicht durch eine Haupt-Rücksicht hier gebunden, ich käme gern vorher nach Berlin, und hälfe. Wie bin ich Ihnen und Woldemar zu Dank verpflichtet, daß Sie mir alle Mühe vorweg nehmen, und mir nur das Schöne von der Sache aufbewahren, mit Ihnen an drei Abenden zu musiciren, um das mich viele Kollegen beneiden, z. B. ein Freund in Ham-burg. Ich schäme mich jetzt fast, es angenommen zu haben, da Sie so viel Plage haben! Hier ist’s indeß auch nicht eben heiter. Grimm ist mit seinem Vetter gleich an demselben Nachmit-tag wie Sie und Brahms nach Sulingen gereist, so habe ich keine musikalische Seele mit der ich verkehrte – auch keine andere: Mich treibt es oft zu dem Entschluß meine Stellung hier aufzugeben. Ich habe noch oft in den Variationen von Ihnen und Brahms der entschwundenen Freun-de Geist mir nahe gehalten. Wie schön und edel sind beide, wie tief kunstreich die des letztern! Auch in den Liedern und im Trio von Brahms habe ich noch oft gespielt und gelesen. Wie herrlich ist das 5te, die Trauernde überschriebene Lied. Ich kenne wenig das den Charakter des Volksmäßigen so tief eigenthümlich trüge als der Wechsel von Dur und Mol im 2ten Theil. Das wird gewiß auch Woldemar sehr gefallen. Grüßen Sie den herzlich; ich freue mich Ihn zu sehen, und seine neuen Sachen zu hören. Seinen Brief nach Pesth in Angelegenheiten der Künstler-Vereinigung habe ich nicht erhalten. Ich bin neugierig auf das Programm zur 1ten Soirée<n>, gewiß werde ich nichts daran zu ändern wünschen. Wie sehr freue mich [sic] auf die Musik mit Ihnen, selbst im Concert.
Für heute Adieu, mit vielen herzlichen Grüßen; auch Julien einen.
In aufrichtiger Verehrung
Joseph Joachim

Hannover. Sonntag.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort: Hannover
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
Empfangsort: Berlin
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
155ff
 



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