19.12.2019

Briefe



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ID: 17274 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 06.02.1856
 

Liebe, verehrte Freundin.

Sie waren wieder einmal so gütig und liebenswürdig gegen mich, und ich – Hannoveraner habe auf 2 Briefe noch nicht geantwortet! Das ist abscheulich und – unverzeihlich? – Wenn ich nicht an Sie, die gute nachsichtige Freundin, dies Fragen richtete, würde es heißen „ Ja „, aber ich will wenigstens versuchen, Ihnen ein Bild meiner ungemüthlichen Zeit zu geben, die ich seit unserer Trennung hier durchgelebt, um Sie günstiger zur Verzeihung zu stimmen. Denken Sie, daß die beständige Falschheit meines Chefs und andere Intriguen mir wieder die Stellung hier so verleideten, daß ich zweimal meinen Abschied zu fordern hatte! Ich motivirte schriftlich und in einer Audienz dem Könige mein Entlassungs-Gesuch etc. etc. Kurz es gab der umständlichsten, zeitraubensten Vorfälle und Schreibereien – Endlich hat denn die Gnade des Königs entschieden und erklärt, daß ich nie meine Entlassung von Ihm erhalten würde, aber auch zugleich, daß ich durch Ihn gesichert werden sollte gegen unbefugte Eingriffe in meine musikalischen Rechte. Alles ist so geordnet, daß ich endlich ein meinen Wünschen entsprechendes Wirken erlangt habe, ohne von der Willkür eines übelwollenden Chefs abzuhangen. Es stellte sich heraus, daß Graf Platen mir fortwährend auch vom König Unwahres berichtet hatte; z. B. Er wollte keine Mozart’sche Musik und wäre einer gewissen Klavierspielerin abgeneigt, die ich am liebsten mit Mozart zugleich anführe – Was die letzterwähnte anlangt, berief sich der König auf sein eigenes Benehmen gegen diese Dame, das allerdings ( wie Sie wissen) immer das Liebenswürdigste, Auszeichnendste war. Erlauben Sie mir bei dieser Gelegenheit gleich Ihre Frage wegen der Briefe nach England zu beantworten: nämlich, daß ich nicht zweifle, daß Sie die gewünschte Empfehlung an die Königin erhalten können. Obwohl ( des häufigen Mißbrauchs wegen, den schlechte Künstler mit Briefen an den Hof machten) seit kurzem überhaupt ein Vertrag existirt, nach dem gar keine mehr ausgefertigt werden, so ist Gräfin Bernstorff der Überzeugung, daß in dem vorliegenden Fall der König gerade deshalb eine Ausnahme machen werde. Sie fragen nach dem Namen der Hofdame: er ist eben der erwähnte: Gräfin Anna Bernstorff. Oder wollen Sie lieber der Oberhofmeisterin Exzellenz v. der Decken schreiben? Es bleibt sich gleich. Ihre Wünsche mit Johannes (die natürlich auch die meinigen sind) werden hoffentlich bald erfüllt. Vorläufig habe ich ihm heute nach Hamburg geschrieben u. ihn zum Sonnabend-Concert als Zuhörer geladen – dann bespreche ich alles mündlich mit dem lieben Menschen. Könnten Sie doch auch zuhören! Coriolan-Ouv.; Wasserträger-Finale, Ihr Schubert’sches 4 mains Duo für Orchester – außerdem spielt Rubinstein ein Concert seiner Composition, das mir besser als seine übrigen Sachen gefällt, wie R. überhaupt ein gewandter Musiker ist, nur zu sehr Weltmensch. Wir sprechen wohl noch einmal über seine Begabung, die mir sehr bedeutend vorkommt. Sonnabend über 8 Tage soll denn auch endlich die 9te Sinfonie unter meiner Leitung ausgeführt werden; Sie wissen, ein wie langersehntes Ereigniss das für mich <würde!> gäbe! Die B dur-Sinfonie v. Schumann haben wir auch gegeben; es war die beste Leistung, die ich von der Hannover’schen Kapelle bis jetzt gehört habe, namentlich das Trio und die schwere Coda am Scherzo gelangen mit überraschender Leichtigkeit. Gewiß hätte es auch Sie freudig gestimmt; wie denn der Gedanke daran bei meiner Direktion mich fortwährend befeuerte. Wie verstehe ich Alles, was Sie empfinden müssen, da Sie jetzt in Wien den Compositionen Ihres verehrten Robert dieselben Liebesdienste erweisen, die Sie einst gerade dort auch letzten Sonaten Beethoven’s und Chopin’scher Musik geweiht! Schmerzlich und doch erhebend zugleich ist der Gedanke. Ich habe mit innigster Theilnahme jedes Concert in Wien verfolgt; gerne hätte ich mit musicirt, und zumal jetzt nach Pesth begleiten Sie meine lebhaftesten Gedanken: XXXX. Ich schreibe Ihnen noch vor Ihrer Abreise dorthin. Für heute muß ich schließen, - aber nicht ohne die Bitte, mir bald durch einen Gruß wieder zu sagen, daß Sie mir meine Schweigsamkeit verzeihen, kann ich aufhören.
Immer aufrichtig und verehrend
Ihr
Joseph J.

fr.
Ihro Wohlgeboren
Frau Klara Schumann
geb. Wieck.
Wien.
Spiegelgasse. No 1102. 3ter Stock.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
Absendeort: Hannover
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
Empfangsort: Wien
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
246-249
 



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