19.12.2019

Briefe



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ID: 17279 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 01.04.1856 bis: 30.04.1856
 

Liebe Frau Schumann

Was soll ich sagen, wie mich die durch Miss Horsley erhaltene Nachricht über Schumann ergriffen hat! Man mag eine traurige Idee noch so oft in sich getragen haben, an die Möglichkeit ihres Zutreffens gedacht haben, die gewisse Erfüllung bleibt eben ein neu durch zulebender Schmerz! Ich hatte von Brahms keine Silbe seit meiner Abreise von Duesseldorf, also auch gar nichts über seinen Besuch in Endenich vernommen. Daß er ihnen nichts verschwiegen hat verstehe ich vollkommen – er kennt Sie zu genau um nicht zu wissen daß Sie es Niemand und Sich selbst am allerwenigsten verzeihen würden etwas <daß> das Ihren Robert betrifft nicht ganz, und wär’s in seiner vollen Schrecklichkeit, mit empfunden zu haben; aber ich begreife auch was Sie leiden müssen mit solcher Trauer im Herzen vor dem Publikum zu spielen und gleichgültig zu scheinen wenn Sie am liebsten Ihrem Schmerz lebten! Gleichwohl muß ich Ihnen als Freund mit aller Macht zureden es aus zu dauern und die 2 Monate der Londoner Saison noch zu überwinden bevor Sie nach Deutschland zurückkehren. Bei dem ganz ungewöhnlichen Erfolg den Sie in England errungen, hieße es wirklich, wenn Sie gleich wieder das Feld Ihrer künstlerischen Siege räumten eine mit Opfern der innerlichsten Art erkaufte Sicherung der Existenz Ihrer Familie von Sich werfen. Ich erlaube mir Ihnen das meinerseits zu schreiben, weil mir Fräulein Horsley mittheilt Sie hätten von London abreisen wollen. Sie werden es nachdem Sie den ersten Schreck überwunden, nicht thun, denn ich weiß wenn es die Ihren gilt sind Sie eben so praktisch im edlesten Sinn, als für Sich tief empfindend. Sagen Sie, ob Sie glauben daß Brahms etwas gegen mich hat, weil Sie meinen er würde mir wohl schwerlich geschrieben haben. Es sollte mir zu leid thun, da ich mich <ihm> gerade immer mehr in mir seinem Wesen nähere, und meine unsere Beziehung müßte eine für’s Leben sein. Mir ist’s lieb daß Sie zu Bennetts gezogen sind; es ist doch der deutscheste unter den englischen Geschäfts-Musikern, und namentlich weiß ich auch daß Mendelssohn von seiner Frau viel Gutes hielt, wie sie auch mir immer einen angenehmen Eindruck machte. Auch an Horsley’s und Klingemanns werden Sie denke ich freundlichen Umgang finden wenn Sie Sonntags unter Menschen statt unter ruhlosen Arbeitern sein wollen. Von der Comtss Bernstorff soll ich Ihnen viele Entschuldigungen bringen; sie konnte nur durch Krankheit verhindert werden Ihnen zu schreiben, und wird es Ende der Woche durch Lord Raglan nachholen der Ihnen einen Brief von ihr nach London mitnehmen will, und sich freuen wird Ihnen zu dienen. Der König erzählte mir von Ihren Erfolgen, die er aus der Times erfahren hatte; und der Fürst Solms entschuldigte sich, quasi als ob es wohl wieder Ihnen zu Ohren sollte, über einen ungeschickten Brief einer Fürstin Liechtenstein, die es gut gemeint aber unrecht angefangen hätte als sie für Sie nach London schreiben wollte – Verzeihen Sie meiner Gewissenhaftigkeit Ihnen das Alles mitzutheilen!
Auf baldige Nachricht hoffend verehrend getreu

J. J.

Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort: Hannover
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
Empfangsort: London
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
270-273
 



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