19.12.2019

Briefe



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ID: 17290 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 18.08.1857
 

Verehrte Freundin

Ich habe seit unserm letzten Nachmittag in St. Goarshausen so fortwährend an Sie Alle bis zu Felix gedacht, daß es mir wie ein Räthsel vorkommt, wenn ich mir sage, daß dies die ersten Zeilen sind, die zu Ihnen dringen. Es ist mir indeß ein Trost, wenn ich mir vorhalte, daß Ihre immergleiche Güte und Nachsicht und Ihr daraus entspringender Glaube an mich eine Auflösung finden werden, ohne meinem Herzen weh zu thun. Durch Grimm weiß ich, daß es Ihnen gut geht, daß der Himmel milder mit seinem Licht umgeht, und daß Sie dadurch zu neuen Plänen verlockt werden. Auch hier ist's angenehmer geworden, und die schönsten Birnen und Äpfel liegen auch als gute Vorboten des Herbsts golden vor mir. Das mag bei Ihnen am Rhein ebenso sein; gewiß nicht zum Schaden von Johannes. Von Ihm hofft ich in den letzten Tagen immer etwas zugeschickt zu erhalten -aber es kam nichts, und es würde mich traurig machen, wenn ich nicht dachte, die letzten Striche an seinem Concert hielten seine Feder in Athem. - Ich hatte hier recht zu thun, meine dürr gerösteten Finger wieder geschmeidig zu machen. Nun sind sie aber wieder glatt und im Gang. Ich habe eine hoffentlich bessere Kadenz zum Concert im September gemacht. -- In Frankfurt habe ich Ihren Auftrag bei André ausgerichtet, wenigstens beim Geschäftsführer. Die gewünschten Sachen sind noch nicht erschienen, kommen aber noch für Ihren Zweck zu rechter Zeit und sollen Ihnen zugesandt werden. Ich habe mir' dort das Mozart’sche Violin-Conc. gekauft, und eine Symph.-Concertante für Violine u. Viole; beides in Es dur, aber leider ist beides nicht so, daß es einen Vergleich mit den Klavier-Concerten zuläßt. Natürlich fehlt es nicht an Einzelheiten, die vom Ursprung Zeugniss geben, aber öffentlich kann man das Violin-Concert nicht gut spielen. Uns natürlich, die wir Mozart ja im Ganzen <> als eine musikalische Gottheit empfinden, ist jedes Theilchen von ihm als solches schon interessant und lieb, aber es wäre ungerecht, ein Publikum danach zu behandeln. Das hält sich an die Noten, die’s im Augenblick zu hören bekommt. Wegen meiner Hannover’schen Angelegenheit bin ich (außer meiner Aversion und <in> der innern Unmöglichkeit, da mit dem schwachen König, dem elenden Wehner und dem falschen Platen länger zusammen zu bleiben) doch noch andern Sinnes geworden: ich will nämlich aus 2 Gründen noch die Winter-Concerte mitmachen: “erstens um nicht den Urlaubs-Gehalt umsonst noch einzustecken, und zweitens, um nicht ohne einige Ersparnisse meine Anstellung in die Schanze zu schlagen. Ich hoffe, bis zum Februar etwa 600 Thlr. zu verdienen und dann Hannover und Georg der V Adieu! Also an Wien darf ich nun nicht weiter denken, für dies Jahr. Von meinen Eltern hatte ich dieser Tage Brief und 1000 Grüße und Empfehlungen an „Frau v. Schumann“ und auch an Brahms, unbekannter Weise. Auch Woldemar hat mir wieder geschrieben. Er ist auf dem Land; hier war er nicht. Bettina und die ihrigen sind in Teplitz. Der gute Woldemar ist doch zu edel denkend, um <> über Brahms und mich pikirt zu sein wegen unserer Komponisten-Aufrichtigkeit. --- Bargheer aus Lippchen ist auf einige Wochen hiehergezogen; das ist mir sehr angenehm, denn dadurch haben wir ein ganz brauchbares Quartett; und schon spielten wir viel Haydn, auch hat Frau Dirichlet dessen sämtliche Trios, in die dreißig, kommen lassen. O, könnten Sie und Johannes die mit mir spielen. --- Bargheer ist voll Hoffnung, daß Joh. auf einige Monate nach Detmold <könnte> geht; der Fürst. habe so oft davon gesprochen. Ich fände es schauderhaft, wenn diese Genuß- Jäger knauserten. Noch wünsche ich unserm Freund die 100 Frchd'ors, und hoffe darauf. Ich denke Joh. Sonntag zu schreiben. Einstweilen grüße ich Sie und die Goarshäuser herzlich. Auch Frl. Bertha und den guten Nathan.
Freundschaftlich und verehrend
Joseph J.

P. S. Haben Sie wegen Schweden bei Woldemar angefragt?

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
334-337
 



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