19.12.2019

Briefe



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ID: 17292 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 03.10.1857
 

Hannover, am 3ten Oktbr

Liebe Frau Schumann.

Eben habe ich mir mit Ihrem Londoner Federmesser diesen Kiel gestutz und theile Ihnen damit meine Rückkunft hieher mit. Sie sind wohl nun auch etwas zur Ruhe gelangt in Ihrer neuen Einrichtung, und ich darf hoffen, daß Sie recht bald zu ein paar Worten an mich kommen. Vor allen Dingen: Graf Platen und die Hannover`schen Concert-Einrichtungen erlauben, daß ich Ende diesen Monats noch auf 8 Tage nach Dresden gehe, Es frägt sich nun, wie das Geschäftliche am gescheidtesten einzurichten ist. Soll ich an Fürstenau in meinem Namen allein schreiben und sagen, daß Sie mir das Arrangement überlassen haben? So wird`s wohl am gescheidtesten wegen Ihres Herrn Papa sein-nicht wahr? Aber nun bleibt noch außerdem so vieles zu erwägen: Zeitbestimmung, <Or> Orchester oder keines etc. etc. Sie sind mit den Dresdner Verhältnissen durch Ihren Aufenthalt in dieser Stadt genau bekannt und können mir also viele günstige Winke geben, die ich abwarten will, bevor ich an Fürstenau schreibe. Soll ich mich gleichzeitig auch an Lipinsky wenden? Als Geiger habe ich vor ihm wirklichen Respekt und möchte, daß er uns freundlich und kollegialisch gestimmt würde. Wie stehen Sie mit einander? Schumann hat ihm den Karnaval dedicirt und muß ihn also auch als Künstler sehr geachtet haben; als Mensch freilich hört` ich sehr oft Widersprechendes über Lipinsky.- Mit den Programmen werden wir leicht fertig werden; das ist das Geringste und jedenfalls An-genehmste. Hier ist`s wie immer recht einsam. Königs kommen erst in 8 Tagen und gehen nochmals fort. Doch sah ich gestern die Seebach auf dem Theater und will sie heut auch besuchen. Es ist doch in einzelnen Scenen eine außerordentliche Begabung bei ihr -- aber dennoch komme ich nicht zu wirklichem Enthusiasmus für sie. Mir scheints, als legte sie auf die Effektmomente zu viel Gewicht und vertheilte die Wärme nicht gleichmäßig genug auf den ganzen Charakter. Ich muß da immer als Ideal an die Ristori denken, bei der die kleinste Bewegung bedeutungsvoll ist -- das ist eben Genie: gleichmäßig liebevoll eine Schöpfung zu überstrahlen! Das vermisse ich bei der Seebach, die oft einen gewöhnlichen Schauspieler-Pathos anschlägt in ihren schwachen Momenten. Aber doch ist es anregend, eine so bedeutende Künstlerin öfter zu sehen, und ich freue mich ihres Hierseins. Johannes hat sich in Bonn viele Theilnahme und großen Respekt gewonnen. Sie wissen nicht, wie es mich glücklich macht, wenn ich sehe, wie sein Wesen immer mehr von den Leuten verstanden wird; die Liebe zu ihm wird dann schon von selbst kommen! Über Hiller und noch vieles Andere könnte ich sprechen, aber der Brief soll baldmöglichst in Ihre (Hände). Grüßen Sie Ihre Kinder und Woldemar herzlichst und
schreiben Sie, liebe Frau Schumann
Ihrem
aufrichtig verehrenden
Joseph Joachim

pressant.
frei.
Frau Klara Schumann
Berlin.
abzugeben Leipziger Platz, No 3,
3 Treppen, im Hof, bei Frau
Bargiel.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
346-349
 



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