25.02.2022

Briefe



Rückwärts
	
ID: 17295
Geschrieben am: Dienstag 17.11.1857
 

Liebe Frau Schumann

Von Tag zu Tag denke ich immer es soll ein Brief mit Ihrer Münchener Adresse ankommen, und immer noch erscheint sie nicht, so will ich denn aus Verlangen nach Nachricht, für<> Sie an Wilkoczewski, Hofmusiker adressiren, und hoffen, da ich den Namen einmal auf einem Ihrer Briefcouverts fand, diese Zeilen werden Sie erreichen. Wie ist es Ihnen denn all die Zeit über ergangen? Gewiß recht gehetzt von Concert zu Concert; aber mein Trost ist, daß Sie in Augsburg, Nürnberg und München von Zeit zu Zeit an den Kunstwerken eigenthümlichster Schöne werden Erfrischung für den Geist geholt haben; denn Sie verstehen ja besser als ich die Menschen mit ihren gewöhnlichen Anforderungen sich ferne zu halten, und Muße für das uns Künstlern Wesentliche zu gewinnen. Nun ich hoffe auch ich werde das allmählig noch im Verkehr mit den Menschen lernen! Mir kommt es hier nach der reichen Zeit mit Ihnen in Dresden und Leipzig verzweifelt einsam vor. Doch labte ich mich recht an den Quartetten, die ich viel spielte, denn Sonnabend war die erste oeffentliche Kammermusik. Wir hatten aber auch lauter Perlen erster Reinheit von unsern Großschatzmeistern ausgewählt! Ein Haydn’sches Quartett in G mol, das Sie wohl noch nicht kennen, aber in dem imponirende Größe und die liebenswürdigsten Neckereien abwechselnd um die Herrschaft über’s Herz sich bewerben, und das Sie das nächste Mal kennen lernen müssen wenn wir uns wiedersehen. Dann das Beethovensche große mit der lydischen Tonart, in Amol, und zum Schluß als Rück-kehr zur schönen Erde das Mozart’sche Ddur Quintett, das Sie vielleicht erinnern, wenn ich den Anfang des Schlußsatzes herschreibe:

XXXX Allegro vivace

Kennen Sie es nicht, so muß ich’s Ihnen auch bei nächster Gelegenheit vorspielen. Ueberhaupt, warum wohnt man nicht in einer Stadt um sich gleich Alles Gute und Schöne in der Musik mitzutheilen, man würde doppelt genießen, doppelt frisch arbeiten können. Denken Sie, liebe Frau Schumann, daß Graf Platen schon für das 2te Concert ein Engagement geschlossen hatte als ich zurückkahm [sic]: noch dazu Jaell, der von weit herkommt um als Hofpianist und (einer von des Königs Schoßhündchen) auf zu warten. Ich wollte ich könnte am 19ten December ebensoweit weg. Nun kommen Sie wohl natürlich vor der Hand nicht; denn ein Hof-Concert lohnt ja nicht. – Gestern wurde ich durch 2 starke Bände „Dramatische Werke von Gisela von Arnim“ überrascht die ich nicht sobald im Druck erwartet hätte. Es war mir eine große Freude. Arnims sind zurück und die Gisela auf dem Weg der Besserung. Sobald ich nur weiß wohin ich adressiren soll, möchte ich mehr und regelmäßig [schreiben] und erbitte ein Gleiches von Ihnen. – Die Veilchen haben mich sehr ergötzt, und die Quittung will ich gut aufheben – aber wohl nicht solange wie die erstern. Vielen herzlichen Dank für die Verwaltung meiner Schätze! Stets
Ihr J. J.

Empfehlen Sie mich Fräulein Nettchen. – An Johannes will ich mich selbst um Nachricht wenden; ich sehne mich darnach. Sehr!

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
363ff

  Standort/Quelle:*) D-DÜhh: 55.1998, Nr. 48
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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