19.12.2019

Briefe



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ID: 17298 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 22.10.1854 bis: 31.10.1854
 

Sonntag Nachmittag

Verehrteste Freundin

Wie danke ich Ihnen für das Concert von Schumann, und daß Sie sich meiner damit in dem bewegten Leipzig erinnert haben! Gewiß es kann mir nichts schöner die Zeit Ihres Hierseins zurückrufen und die herrlichen Musik-Stunden mit Ihnen und Brahms als die überschickten Noten. Leider konnte ich das Violin-Concert nicht mehr mit dem Freunde spielen, es traf nur wenig Augenblicke bevor ich ihn auf den Bahnhof brachte hier an; wohl aber konnte ich ihm die Nachricht von Ihrer glücklichen Ankunft in Leipzig noch erzählen. Wie oft gedachten wir Ihres Besuchs in Worten und Tönen noch! In Gedanken glaubten wir selbst XXXX zu vernehmen; wir beneideten das Gewandhaus-Publikum das es wirklich hörte, und um das Glück von Edenhall und um das, Ihnen an dem Abend nahe zu sein. Ob ich nun in Berlin mein Lieblings-Concert durch Sie mit dem Orchester hören werde! Jedenfalls hoffe ich, daß Sie dazu helfen mögen: ein Brief von Ihnen an Comtesse Bernstorff kann meine Bitte um Urlaub sehr erleichtern. Sie ist zwar schon von hier abgereist, um sich bei ihren Eltern besser zu erholen, aber adressiren Sie nur nach Hannover, man schickt ihre Briefe nach, und gewiß erfährt es denn die Majestät schriftlich durch sie. Fast schäme ich mich Sie nun noch um eine Fürbitte zu ersuchen: bei Ihrer verehrten Freundin und Wirthin. Sie möge entschuldigen, daß das englische Salz-Flacon noch nicht überschickt ist – noch vor Ende der Woche soll es in ihren Händen sein; hätte ich gewußt welch edler Werth es Madame Preußer lieb macht, ich wäre nicht so unverzeihlich nachlässig gewesen! Denken Sie, es war in meinem Schreibtisch in Berlin mit einigen andern Sachen in einer Schublade stehen geblieben; zum Glück hatte der Besitzer Herman Grimm sie entdeckt, und da ich ihm nun schrieb daß ich die Sachen brauche, werden sie ehestens in meinen Händen sein. Hatte ich mir doch den ganzen Sommer vorgenommen es zu überschicken; nun ereilte meine Schreibsaumseligkeit, die mich zu einem würdigen Kollegen Brahms stempelt, die verdiente Strafe, indem Sie von meiner Unordnung hören. Verzeihen Sie es, und auch daß ich Sie am Concert-Tage so lange aufgerhalten. Bei Ihrer Rückkehr will ich für ein Klavier in Ihrer Stube sorgen – damit nur himmlische, keine irdischen „Engel“ Ihnen zuhören.
In verehrungsvoller Ergebenheit
Ihr aufrichtig ergebener
Joseph Joachim

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
137ff
 



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