19.12.2019

Briefe



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ID: 17299 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 11.04.1856
 

Am 11ten April

Liebe Freundin

Johannes hat Ihnen neulich wohl meine unverhoffte Ankunft geschrieben – ja, ich war in Duesseldorf am Tage der Sie nach London wegführte und ohne die Beruhigung Sie vor Ihrer Reise dorthin zu sehen und zu sprechen. Mit welcher folternden Ungeduld ich auf dem Güterzug von ½ 7 Uhr Morgens bis ½ 8 Uhr Abends der Ungewißheit entgegenfuhr ob ich Sie noch antreffen würde können Sie kaum denken – hätte ich mir nicht immer gesagt es ist die gerechteste Strafe daß ich erst nicht geschrieben und dann den Nachtzug versäumt hatte, ich hätt’ es nicht ausgehalten – so verharrt’ ich aber „reuig andächtig“ als Büßer. Wann werd’ ich mich bessern? Den Morgen darauf, am 9ten, fuhren Johannes und ich auseinander, er nach Bonn, ich nach Hannover zurück: gern hätt’ ich ihn begleitet, aber ich mußte in Hannover sein einer Probe zum ersten Quartett wegen, die am 9ten stattfinden sollte. Indeß bin ich bei der Klarheit und Entschiedenheit, mit der Johannes seine Aufgabe unternimmt gänzlich beruhigt; – daß ich mich ihm aber zur Disposition gestellt habe, falls Joh. mich nach der Prüfung der Würtembergschen Anstalt zur Ausführung nöthig hält versteht sich von selbst. Wollte Gott ich könnte mehr thun als die Hoffnung aussprechen, daß eine Veränderung der monotonen Verhältnisse für den geliebten Kranken nützlich sein würde! Immer muß ich mit bewundernder Theilnahme Ihrer aufopfernden Reise denken, aber zugleich an den Trost den das Bewußtsein Ihrer liebthätigen Sorgfalt um die Ihren Ihnen zum Glück gewähren darf. Vergönnen Sie mir Ihnen einen Spruch des großen Britten nach seinem Vaterland hin zu schicken, vielleicht freut Sie die stolze Kraft die darin liegt, wenn <s>Sie von seinen unmusikalischen Vaterlands-Genossen manchmal mehr als billig geplagt sind: „Oft ist’s der eigne Geist der Rettung schafft, die wir beim Himmel suchen – unsrer Kraft verleiht er freien Raum, und nur dem Trägen, dem Willenlosen stellt er sich entgegen“. Daran dürfen Sie denken, wenn Sie heut im Philharmonic Conc. spielen; <> der Brief hier kommt gewiß am 14ten an bevor Sie Ihr Debüt in London machen! Ist denn das Schreiben des Königs schon angekommen? die Königin, und auch die Comtesse Bernstorff (die leider bettlägrig war) haben mir wiederholt versprochen den König an sein Versprechen zu erinnern. Bitte, schreiben Sie mir ja gleich ob die Empfehlung an die Königin V. angekommen ist. Auch überhaupt was noch geschehen kann. Ich bleibe noch 14 Tage hier – wo ich dann hingehe habe ich noch immer nicht entschieden – entweder nach Wien, oder sonst auf’s Land, denn so viel steht fest, daß ich innig fühle wie sehr ich mich zu fortdauerndem Fleiß in diesen Sommermonaten concentriren muß, soll ich nicht als Künstler untergehen. Wohin ich aber auch gehe, die Alceste wird mir eine liebe musikalische Begleiterin sein, die mich fortwährend an Sie mahnen soll. Welche Freude hat mir diese Partitur gemacht! Niemand versteht es mehr wie Sie für Freunde zu denken. Den Düsseldorfern habe ich direkt abgeschrieben; wollte ich mich nicht gänzlich vom öffentlich spielen enthalten während des Sommers so wäre ich ja lieber nach London gegangen. Das Programm in Duess. ist übrigens nicht allzu lockend, so gerne ich Einzelnes hörte, finde ich das Ganze zu zerstückelt! Wie dieser Brief, der indeß nur ein einleitender zu folgenden sein soll. Ich grüße Sie von Herzen für heute und bin Ihr freundschaftlich verehrender

J. Joachim.

Meinem Bruder Heinrich will ich schreiben Sie aufzusuchen: er wird sich freuen Ihnen gefällig zu sein.

via Ostende
free
Frau Clara Schumann
London
at Miss Busby’s
30. Gloucester-Place
Dorset-Square

  Absender: Joachim, Joseph (773)
Absendeort: Hannover
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort: London
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
264-267
 



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