19.12.2019

Briefe



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ID: 17301 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 13.03.1860 bis: 15.03.1860
 

Liebe Frau Schumann

Da Ihr letztes Concert am 15ten ist, so wird dies Blatt wohl gerade eintreffen um anzudeuten wie gern ich zuhörte. Wie herzensfroh bin ich daß meine lieben Wiener sich so liebenswürdig gegen Sie aufführen; es lockt mich ganz gewaltig auch in die Kaiserstadt zu kommen. Nun nächsten Herbst, so Gott will. Aber Ihrem letzten Concert wird gewiß ein allerletztes und dann ein Abschiedsabend folgen; das sehe ich voraus. Brahms wird Ihnen wohl von seiner Serenade und unserm Zusammensein vorige Woche schon geschrieben haben. Daß Sie uns sehr fehlten, zum Anhören und dann zum Mitfreuen wissen Sie (oder solltens wenigstens wissen), ohne daß ich’s sage. Das Werk hat entschieden durch sein neues Kleid, aus Metall und Thierfellen, gewonnen. So frisch und warm jubeln die Trompeten und Pauken, daß man mit einjauchzen möchte im ersten und letzten Satz. Und das Adagio voll schöner Melodik und tiefer Harmonie gemahnt oft auch im Klang an die Orgel. Das Orchester konnte leider nur 2mal 2 Stunden lang probiren, aber wenn auch bei so entschieden Neuem, Individuellem die Wiedergabe an Freiheit und Hingebung nicht unserm Ideal entsprach, gieng es doch gut und klar. König und Königin, auch Hauptmann der hier war, waren sehr befriedigt, und das Publikum – ziemlich aufmunternd, wie ich’s beschönigend nennen will. Es ist das alte Lied: wo der bloße Name nicht zur Aufmerksamkeit und Hingebung von vornherein zwingt, da sind die Leute zerstreut oder befangen, abwehrend oder faul. Wenn ich hier bleibe, werde ich nicht los lassen! Übrigens ist mir, auch wenn ich an die Stumpfheit des Publikums denke, für Johannes nicht bange. – Sonnabend komme ich mit meinem Magyarember-Concert an die Reihe; wie wird mir’s gehen? Daß Sie nicht nach Pesth gehen, thut mir der Eltern und Schwester wegen leid – Sonst ist wohl die politische Stimmung der musikalischen zu sehr entgegen. Gott gebe daß es künftiges Jahr anders werde, aber mag’s kommen wie es wolle, ich gehe hin. – Daß Spina meine Schubert’sche Bearbeitung drucken will11 danke ich Ihnen herzlich; auch muß ich Ihrem diplomatischen Geschick wegen „ein Theil des Honorars“ alle Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Die 40 Rthlr „Copirkosten“ sind gewiß auch mir lieb; dafür kann man im Sommer ein paar Berge mehr erklettern. Wie will ich die freien Monate den Sommer genießen und benützen; Chappell erhalten heute von mir Nachricht daß ich nicht nach London komme. Ich bin des Paradirens auf Konzertzetteln schrecklich überdrüssig, und so leid es mir auch thut London aufzugeben, bin ich’s meiner geistigen und leiblichen Gesundheit schuldig. Wissen Sie schon, wo Sie den Sommer weilen werden? Lassen Sie mich’s bald hören; auch wann Sie dem König Ihr Versprechen erfüllen nochmals gegen’s Frühjahr herzukommen. In letzter Zeit war oft Musik bei Hof, Hauptmanns wegen zweimal, der König ist auch von dessen Kompositionen „entzückt“ – – Nur schwärmen scheint die harmlose Devise des liebenswürdigen Königspaars. H’s Gmol Sonate spielte ich auf specielle Bitte d. K. mit Wehner, 2 mal! Hätte ich dafür lieber Ihr Trio hören können; ich entsinne mich eines Fugato im letzten Satz – und daß Mendelssohn ein Mal bei Freges großen Spaß darüber hatte, daß ich’s nicht glauben wollte eine Frau könne so etwas componiren, so ernst und tüchtig! Sie entgehen dem Schicksal nicht nun auch das Trio neben den Romanzen auf’s Königliche Repertoire aufgenommen zu sehen! Könnte ich mein Bennett’sches, halbschadenfrohes Lachen mit in den Brief schließen, damit Sie einstimmten und dabei mit dem Finger dem Ungezogenen drohten! Von unserm hier ausgeheckten Protest gegen das Treiben der Liszt’schen Klique werden Sie durch Joh. erfahren haben. Ihnen wird's recht sein. Es läßt sich viel dagegen sagen vom Standpunkt der tiftelnden Klugheit – aber mir ist’s darum zu thun so kurz, trocken und einfach auch oeffentlich zu wiederholen, was <ich> privatim bloß meine Freunde wissen; damit ich klar für alle Zeit von dem Vorwurf der Feigheit sei. Das Übrige wird die Folge bringen, ist mein leichtsinniger Nachsatz. – Sonnabend schließen wir mit der F dur Sinfonie von Beethoven: Die fröhlichsten Frühlingsgedanken möge der Gedanke Ihnen erwecken, in der herrlichen Kaiserstadt, wo er zuerst entsprang. Adieu für heut, und grüßen Sie Elise freundlich von mir.
Der Ihrige Joseph Joachim

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
502-505
 



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