19.12.2019

Briefe



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ID: 17305 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 03.01.1858
 

Liebe Frau Schuman

Wie vieles giebt es auf Ihre ausführlichen und freundschaftlichen, beglückenden Zeilen zu schreiben! Und doch werde ich mich heute schon damit begnügen müssen nur das Nöthigste zu sagen; die Zeit vor Postschluß ist nicht mehr lang. Vorgestern am ersten Tag dieses Jahres da wollt’ ich eigentlich zu gutem Anfang mich mit einem Brief an Sie erquicken – aber Johannes kam gerade in den Nachmittagsstunden, das war freilich auch sehr schön. Leider gieng er nach drittehalb Stunden weiter; er wollte gern seine Eltern an dem Tag erfreuen – da konnte der Freund nichts dagegen ausrichten. Er war aber prächtig frisch, und wir dürfen uns wohl mit dem Gedanken schmeicheln daß Johannes nun bei seinem klugen, tüchtigen Sinn einen guten Anfang zu unbesorgter Existenz in Detmold gelegt hat. Große Freude hat mir eine neue Umarbeitung des ersten Concert-Satzes von Joh. gemacht. Es sind wunderschöne Ruhe- und Verbindungs-Stellen hinzugekommen mit denen auch Sie gewiß zufrieden sein werden. Namentlich ist das zweite Thema <> breiter und wohlthuender geworden. Nur fast zu reich scheint mir jetzt das Ganze; das ist aber ein guter Vorwurf! Wie sehr liegt meine ganze Hoffnung Neues und Schönes in der Musik zu erleben auf meinem lieben Freund! Es ist wirklich eine entsetzliche Dürre unter den jüngsten Kunst-Erscheinungen. Rei necke hat ein Violin-Concert geschickt – so gewöhnlich, ja manchmal sogar ungeschickt klingend wie ich’s von einem so routinirten Komponisten nie erwartet hätte. Wie kommen Sie nur darauf nach Richard Würst zu fragen? Ich muß nur, damit ich den uninteressanten Mann nicht vergesse, gleich sagen daß ich aus der letzten Zeit von seinen Werken nichts kenne. Vor vielen Jahren hörte ich Quartette und eine Ouverture von ihm, wie sie eben ein viel schreibender Musikus aus Spohr’schen und Mendelssohn’schen Reminiscenzen mit einigen farblosen eigenen Verbindungsfaden zusammenwirkt. Ueber eine neue Sinfonie von ihm habe ich von Stern u. A. wenig Lob vernommen, desto mehr Klage über Langeweile dabei. Stern war zur 9ten Sinfonie hier, mit seiner Schwägerin Jenny Meyer, die auch dabei mit half. Die Orchester Partie <> hatte ich nie so gut, den Chor, der nicht zahlreich aber sehr correkt war, nie besser gehört. Nur die Soli ließen zu wünschen übrig. Aber dennoch war’s erhebend, und Sie müssen mir schreiben wann Sie wohl hieher zu kommen gedenken damit ich für die Zeit die beabsichtigte Wiederholung der Sinfonie einzurichten suche; Sie müssen sie von der hiesigen Kapelle hören, und ich muß die Freude haben daß ich Sie einmal dabei als Zuhörerin denken kann, wenn ich sie dirigire. Ach, warum sind nur so wenig Menschen im Stand die Seligkeit aufzunehmen, auch nur auf Momente, die Beethovens Geist ausstrahlt. Es ist so schön unbedingt zu glauben – und wahrlich Ihm verdankt man es von der ersten Note auf die Höhe reiner Hingebung gehoben zu werden. Lauter Reinheit und Kraft! Und da soll man denn Geduld haben wenn man hinterher die Esel sich herumstreiten hört ob auch der Standpunkt des „letzten Beethoven“ nicht schwindelerregend, und die Nahrung die darauf wächst eine gesunde sei. Freilich, lauter Morast mit Disteln für solche Menschesel hat der freie Beethoven auf seinen Zügen in die frische Bergluft nicht aufgesucht. Doch verzeihen Sie mein unwillkührlich Schimpfen – wenn Sie kommen dann wollen wir uns ungetrübt freuen, ohne diese Töne, und freudenvolle anstimmen. Dietrich ist seit einigen Tagen hier, und singt mir viel Schumannsche Lieder, die er fast alle auswendig weiß. Wie er schrieb hat ihn die „Sehnsucht“ hieher getrieben; aber ich glaube das will bei D. nicht so ganz viel sagen – obwohl ich ihm gewiß in der Verbindung mit der Duesseldorfer Zeit eine angenehme Erinnerung sein mag. Er ist ein herzlich guter Mensch, vor dessen musikalischem Können man denn doch Respekt haben muß, namentlich im Vergleich zu den Hannoverschen Musikern. Ein neues Quartett von ihm aber ist freilich nicht melodisch bedeutend genug um nachhaltig zu erfreuen. Wehner hat gestern den Paulus hier aufgeführt;11 und so dirigirt daß nur das beständige Markiren erster Takttheile von Seiten des braven Orchesters die Sache vom fortgesetzten Umwerfen zurückhalten konnte. Ich hätte nie gedacht daß ein Dirigent im Stande wäre die vortrefflichsten Sing- und Instrumental-Kräfte so total zu lähmen. Der König war entzückt von der Aufführung und hat eine Wiederholung befohlen. Ach ich wollte die „Engelskönigin“ wäre weniger gut! Die bodenlose Frechheit dieses Kriechers, wird mich, wenn sie ihm nicht den Hals bricht aus Ekel hier forttreiben. Wenn ich meine Stelle nicht ganz aufgebe so erbitte ich mir jedenfalls den Urlaub nach Rom aus. Schreiben Sie nur vorher hin, und theilen Sie mir das Resultat der Anfrage mit. Zu binden braucht man sich ja doch nur einige Monate vorher, nicht schon jetzt. Ich hoffe Sie lassen mich immer Ihre Schweizer Adressen wissen; gebe der Himmel auch diesmal gleich reichen Segen wie das vorige Mal für Ihren Haushalt.
Für heut’, verehrte Freundin, mit herzlichem Gruß
der Ihrige
Joseph J.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
Absendeort: Hannover
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort: München
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
383-386
 



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