19.12.2019

Briefe



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ID: 17310 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 15.05.1858
 

Sonnabend, den 15ten
23, Queen-St. May Fair

Liebe Freundin

Eben will ich Ihnen schreiben, und bekomme noch dazu einen frischen Gruß von Ihnen durch Fräulein Krüger, so daß es mir gar nicht ist, als wäre der Ocean zwischen uns. Fast unglaublich däucht es mir, daß ich schon 3 Wochen hier sein soll. Die Masse von Eindrücken, von der schönsten Musik bis zu den langweiligsten Bekannten läßt einem vorerst gar nicht wissen daß es überhaupt so etwas wie Wochen, Monate und Zeit giebt. Nun, Sie haben das alles selbst erfahren! Ich war auch schon in Manchester und Dublin. Dort wurde Ihrer unaufhörlich gedacht, bald von Mrs Robinson, bald von ihm (ich wohnte bei R’s) bald von mir, im Concert, oder beim Frühstück, <> im Park; kurz Sie gehören da ganz zu den musikalischen Hausgöttern bei den lieben Leuten, who desire me to send you their love. Das Dublin hat überhaupt etwas sehr lichtes und wohlthuend freundliches mit den vielen großen Gärten in der Mitte der Plätze, und dem gutmüthigen, fast zudringlichen Enthusiasmus der Irish individuals, nicht des Publikums, das etwas ziemlich provinzialisches, steifes hat. Ich kann mir denken, daß Ihnen der Aufenthalt dort auch etwas angenehm Ausruhendes hatte, denn eine dunkle drückende Luft, und eine freudlose Geschäftigkeit ist dem London, trotz allem Herrlichen nicht abzusprechen. Freilich des Herrlichen aber auch gar viel: der Krystallpallast, die vielen bedeutenden Aufführungen, der scharf ausgeprägte nationale Geist, – kurz ich bereue keinen Augenblick daß ich Hannover mit London eine Weile vertauscht, und mich auch praktisch überzeuge daß es Gescheuteres giebt als sich über Kleinstädter während des Tags zu ärgern. Ich wollte nur Sie wären mit hier, und wir genössen manches gemeinschaftlich, statt daß ich mich auf’s nächste Jahr damit vertrösten muß. Meine Aufnahme hier war eine sehr herzliche. Man muß es den Engländern nachloben, daß sie mit Beständigkeit ihren Freunden anhängen. Mein Spiel in der Philharmonic hatte zur Folge daß ich für den 24ten in derselben Gesellschaft engagirt bin. Bei Ella habe ich erst einmal musicirt; am 25ten geschieht es wieder mit Rubinstein in der Kreutzer-Sonate. Außerdem werde ich da zum erstenmal in meinem Leben Beeth.’s Septett spielen, worauf ich mich freue. Donnerstag gehe ich wieder nach Manchester, wo auch Ihre Freundin Garcia singen wird, deren Bekanntschaft zu machen mir sehr lieb sein wird. Sie ist eben erst angekommen, sonst hätte ich sie schon Ihretwegen aufgesucht. Miss Busby habe ich gesprochen, aber nicht gehört. Fräul. Hartmann aber konnt’ ich mich noch nicht gefällig erweisen, obwohl ich mir’s wünschte. Ich werde ihr zu Pauer’s Concert, Mittwoch Billete schicken, und hoffe sie dort zu sprechen. In P’s erstem Concert hatten wir eine sehr gute Aufführung von Schumanns Dmol Trio mit Piatti, der ein ganzer Cellist ist. Wir machten zwei Proben, und ich glaube Sie würden gern zugehört haben. Auch das Es dur Quartett mit Klavier wollen wir noch einüben; ich werde dabei die Bratsche übernehmen, und bei der Gelegenheit auch die Märchenbilder vorführen. Betrachten Sie, liebe Frau Schumann, diese Zeilen nur als einen Schreibe-Entschluß; es giebt so viel zu sagen, daß es mir ist, als hätte ich noch nicht angefangen. Aber lassen Sie dennoch recht bald von Sich hören. Wann gehen Sie nach Wiesbaden? Ich bleibe bis Ende Juni jedenfalls hier, da ich Engagements bis dahin angenommen habe. Am 1sten Juni werde ich in Liverpool zu einem Philh. Concert sein. Heute muß ich noch bei Hof spielen; (ohne Empfehlungsbrief, sonst würde ich mich schämen, da eigentlich Gretry und Playdy (Kreti und Pleti?) da oft Musik machen.) An Johannes habe ich wohl an Seinem Geburtstag gedacht und ihm ein seltnes, gutes Bild Händels durch Chrysanders Güte verschafft, aber nicht geschrieben, da ich unterwegs war. Ich hole es aber bald nach. Tausend herzliche Grüße an alle Ihrigen, und auch an Woldemar.
Ganz Ihr ergebner
Joseph Joachim

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
401-404
 



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