19.12.2019

Briefe



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ID: 17325 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 31.03.1859
 

Donnerstag Nachmittag.

Liebe Frau Schumann

Ich habe heute Morgen einen recommandirten Brief für Stockhausen von Ihnen erhalten, und ihn, da dieser gestern plötzlich nach Oldenburg gefahren ist, eben aufgemacht, da er mir nachträglich schreibt seine Briefe zu erbrechen. Ich weiß nun aber doch nicht was ich Ihnen antworten könnte; denn obwohl ich glaube, daß Stock. am 5ten nicht in Dresden concertiren wird, darf ich mir doch nicht herausnehmen Ja oder Nein zu telegraphiren. Meine Instruktionen von ihm lauten nur für Leipzig, und das scheint eine mißrathene Geschichte zu werden. Er wollte dort am 4ten April eine Orchester-Soirée geben, mit Orchester, u. Brahms Serenade unter dieses Leitung darin aufführen lassen. Nun telegraphirt Rietz heute, daß der Theater-Direktor das Orchester schwerlich hergeben würde – also vermuthe ich, daß die ganze Sache unterbleibt. Stockh. kommt morgen (Freitag) von Oldenburg bei Zeiten wieder, und ich werde ihn antreiben, Ihnen gleich das Nöthige zu telegraphiren. Sonnabend singt er hier im Concert; außerdem spielt Jaell das Beeth’sche Es dur Concert u. die C mol Sinfonie wird gemacht. Ich wollte ursprünglich die Schum’sche C dur No 25 aufführen, wage es aber, da das Concert im Theater ist, vor einem so gemischten Publikum nicht. Das wäre Caviar für’s Theatervolk; Beeth. sitzt ihnen schon eher in den Knochen, und aus Respekt vor dem Namen finden’s <d> auch die Meisten schon göttlich. – Unsere Soirée in Hamburg ist sehr gut ausgefallen, der Saal war übervoll, und die Serenade hat trotz der zum Theil mangelhaften Ausführung in den letzten Sätzen namentlich entschieden angesprochen: Brahms wurde gerufen, und da er in der Loge war, u. erst gar nicht kommen wollte dauerte der Spectakel sehr lange. Die Serenade ist aber auch ein köstliches, frisches, graziöses, und dann doch wieder tiefes Stück, und ich hatte beim Einstudiren, trotz der Gimpel und Faulthiere von Pfeifern und Streichern der freien Stadt, großen Genuß. Soviel darüber. Ich sehe, daß Sie Ihren Plan, mit Stockhausen hier zu concertiren, aufgeben; da wir uns bald in England sehen sollen, und Gott sei Dank endlich einmal wieder <,> um tüchtig mit einander zu musiciren, so rede ich nicht zu, daß Sie hier Concert geben sollen. Das letzte Abonnement-Conc. u. das Chor-Concert folgen auf dem Fuß einander, zudem muß ich wahrscheinlich am 9ten nach Weimar zum Hof-Concert. Ich hätte also nicht einmal Genuß von Ihrem Hiersein, denn außerdem muß ich schon am 16ten in Brüssel für die Musiker (Pensionsfond) spielen. Von dort aus gehe ich gleich nach London, so daß ich am 19ten dort sein werde. Ich habe von Stockhausen mit Freuden von der Aussicht gehört zusammen Concerte zu geben. Ich werde natürlich spielen so oft und was Sie wollen, u. damit Sie sehen, liebe Freundin, daß ich aufrichtig bin, so habe ich nur die Bitte daß mein Name nicht mit als Concertgeber auf dem Programm steht, sondern nur als engagirtes Mitglied, denn ersteres könnte wirklich meinen Beeth. Quartett- Abenden schaden. Sonst bin ich aber in allen Stücken ungebunden, und wie immer für Alles was Ihnen angenehm sein kann Ihr getreuer, herzlich
ergebener
J. J.

P. S. Es ist nicht richtig, daß wir nur in eignen Concerten in London spielen dürften – im Gegentheil, je öfter der Name in dieser Riesenstadt vor dem Publikum ist, desto besser.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
455ff
 



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