19.12.2019

Briefe



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ID: 17333 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 08.07.1859
 

Am 8ten Juli

Liebe Frau Schumann

Ohne Ihnen eigentlich etwas mitzutheilen zu haben schreibe ich einige Worte, vor Allem um Sie zu bitten recht bald von Sich hören zu lassen, denn aber um nicht durch Aufschieben in meinen alten Fehler zu fallen, gar nicht zu schreiben! Das Wichtigste was ich von Thatsachen zu erzählen habe ist wohl, daß Sie Ihr Plaid hier vergessen haben, oder vielmehr, daß ich so dumm war, es Ihnen nicht zurück zu bringen, und Sie (wie immer) zu großmüthig mich daran zu mahnen. So werde ich’s denn auf der Rückreise nochmals benützen. Gefroren werden Sie wohl nicht haben! Ich habe Ihrer recht gedacht, als hier wenige Stunden nach Ihrer Abfahrt, gerade als Sie auf der See sein mußten, ein furchtbares Donnerwetter mit Regenströmen losbrach. Gar nicht schlafen konnte ich, trotzdem ich mir fortwährend sagte, daß das Unwetter sich nicht bis über London zu erstrecken brauchte. Lassen Sie mich bald hören daß Sie nicht davon beunruhigt worden sind. – Die Concerte sind bei der drückenden Hitze ganz unausstehlich. Doch machte mir das Beethoven’sche Septett orgestern bei Ella Freude; es ist doch ein Stück voll jugendlicher Frische und Anmuth, und ich kann die dummen Grübler nicht begreifen, die das nicht mehr goutiren, als ob nicht das jugendlich freie Lächlen [sic] eines starken, reinen Helden eben so entzückend wäre, wie seine großen Thaten begeisternd. Es wird Ihnen sonderbar vorkommen daß ich darüber etwas sage, aber ich kenne das Septett am wenigsten von allen Beeth.’schen Sachen. Montag spiele ich zum letzten Mal, u. z. in der Philharmonic das 9te Concert von Spohr in Dmol, das Sie wohl nicht kennen. Die Directoren haben mich gebeten für diesmal zu Gunsten Meyerbeers auf die Aufführung einer Ouverture von mir zu verzichten, da er ein älterer Künstler und ein Ehrenmitglied der Gesellschaft sei. Sie schickten eigends Hogarth zu mir, der mir die ursprüngliche Skizze des Programmes zeigen mußte, wo den [sic] richtig eine M. S. Ouv. von J. J. figurirte. Es bleibt mir also nichts übrig als ruhig die unruhige Struensee-Ouv. über mich ergehen zu lassen, über deren Partitur Bennett sehr wenig erfreut scheint. Es ist aber auch ein kleinliches Hin und Hergezerre, und nur das dänische Volkslied darin musikalisch anziehend. Ihrer Schwester habe ich wie den Busby’s zu Halle’s gestriger Matinée Karten geschickt, sie aber leider nicht gesprochen. Ich will Frl. Marie aber heut oder morgen <b> in der neuen Wohnung aufsuchen; vielleicht höre ich dort von Ihnen. Die G-Lind ist nach der See hin. Er u. das Töchterchen sind in Argyle Lodge geblieben. Dienstag gehe ich für 2 bis 3 Tage auf’s Land zu Sir George Smart, nach Chertsey wo es sehr angenehm sein soll, und wo ich mich zur Arbeit zu samm<l>eln hoffe. Schreiben Sie mir recht bald nach meiner alten Adresse nach wie vor, und lassen Sie auch hören wie es Frl. Leser und Junghe’s geht, bitte! Viele Grüße an alle lieben deutschen Freunde die Sie am Rhein sehen.
Von Herzen, liebe Frau Schumann
Ihr alter musikalischer
Verbündeter
Joseph J.

Stockhausen hat von Paris geschrieben daß es ihm wohl geht.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
463ff
 



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