19.12.2019

Briefe



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ID: 17334 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 26.08.1859
 

Am 26ten

Liebe Frau Schumann

Otto Goldschmidt sagt mir, daß Sie mich im Verdacht haben einen Brief von Herrn Ulman aus Nachlässigkeit zurückgehalten zu haben. Der Verdacht ist ungegründet – in Geschäftssachen bin ich, glaube ich, erträglich genau. Goldschm. hatte mich in die ganze amerik. Angelegenheit durch Mittheilung der Aktenstücke eingeweiht, und um dieselben nicht erst wieder an G. nach Wimbledon zurückzuschicken, und so Zeit zu verlieren, hatte ich mit ihm verabredet Ihnen den Brief von Scharfenberg (und nur diesen) selbst einzusenden; froh wie ich immer bin mit Ihnen zu verkehren, war mir das ein willkommenes Uebereinkommen. Der Brief von Ullman an Scharfenberg enthält ⎡an Thatsachen⎤ nichts, was der letztere nicht theilnehmender und zarter ausdrückt. Ich wollte ihnen [sic] namentlich nicht (weil es unnöthig war, und Porto gekostet hätte obendrein) direkt vor die Augen bringen, mit welcher Unverschämtheit und Fühllosigkeit so ein puffender Spekulant uns Künstler wie ein Stück Waare abschätzt, Faser nach Faser von unserer Persönlichkeit wie ⎡von⎤ einem Stück Tuch unter seinen groben Fingern zerreibend und noch dazu mit Biedermannsmiene heuchlerisch abschätzend. Der Brief war so trocken neben der Dummheit, daß ich die Verhältnisse nicht einmal in komischem Licht ansehen konnte. Der abgeschmackteste abstoßendste Sklavenhandel! Ich danke meinem Schöpfer, daß Sie nicht dahinüber gehen. Ja, wären Unmöglichkeiten möglich – dann wünschte ich ⎡aber⎤ lieber daß wir lauter gute Musiker zusammen, in der wunderschönsten Gegend Schlösser erspielten, und eigne Kapellen, bloß dadurch daß wir recht für Bach und Beethoven schwärmen und uns unsere Lieblinge ab und zu vormusiciren dürften! das gienge aber gerade ebenso leicht, als daß Sie, mit Ihren hohen künstlerischen Ansprüchen und mit Ihrer Geschmacksrichtung in einem Jahre 30000 Thaler von einem Entrepreneur gesichert bekämen. So weit über den Brief von Ullmans. Der E . . . soll uns nicht entzweien. Was nun meine Reise nach Irland (Island ist bei der Hitze ein angenehmerer Gedanke!) betrifft, so wird sie Ende des Septembermonates beginnen; am Anfang Novembers werde ich in Hannover zurücksein. Auf wie lange weiß ich nicht; das hängt denn von dem ab was ich Gutes in den Concerten ausrichten kann. Ich freue mich, daß ich einen materiellen Gewinn von England fortnehme – den durch ein paar Tausend Thaler mehr Unabhängigkeit von meiner ⎡Hannov.’schen⎤ Stellung zu haben. Wie sehr empfinde ich mit, was Sie in diesen Tagen in Bonn durchleben müssen. Erst vorgestern brachten mir einige Schumann’sche Lieder den ganzen Reichthum von Liebe und Güte seiner schönen Natur vor die Seele. Schätze reinster Empfindung. Wie sieht wohl jetzt die Ruhestätte aus! der Herbst hat für mich immer etwas tief bewegend Wehmüthiges – aber nicht ohne den Trost der Verklärung, wenn die schrägen Strahlen auf das bunte Laub fallen. Es ist meine liebste Jahreszeit – und ich wollte ich wäre mit einem Ränzel auf dem Rücken bei Johannes, und am Rhein. Das ist doch besser wie England!
Ihr
Joseph J.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
465ff
 



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