19.12.2019

Briefe



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ID: 17335 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 10.09.1859
 

Liebe Freundin

Ich habe nur ein paar Minuten um Ihnen vor Postschluß (Sonnabend) zu schreiben; thue dies aber um Ihnen meine frische Freude über Ihre Zeilen auszudrücken. Morgen gehe ich auf’s Land, und wohl auch Montag, und will daher nicht aufschieben zu danken. Ich hatte gehofft vor Irland nach Wales u. Schottland zu gehen – aber statt dessen bin ich ein Reconvalescent, der über 8 Tage fast immer im Bett gelegen hat: ein Karbunkel, der aufgeschnitten werden mußte, schmerzhaft und „nasty!“ Nun muß ich mich noch sehr in Acht nehmen, um keine frischen zu bekommen. Die Irländische Tour verlangt, daß ich meine Violine pflege, und auch einige Irländische Melodien will ich für Klavier u. Violine mit Goldschmidt setzen, und so bin ich um meine Reise! Möchte die Tour mich in angenehme Landschaft bringen – mich verlangt nach dem 14 tägigen Arrest noch recht nach Herbstschönheit. Am Rhein muß es wundervoll sein, und ich wollte ich wäre dort. Geben Sie doch endlich die Idee auf, liebe Frau Schumann, als könnte ich je mit Fühlen und Sinnen etwas anderes sein als ein rechter deutscher Musikant. Eine angenehme Überraschung ward mir gestern, über die Sie Sich auch freuen werden. Sie wissen, welche traurige Berichte ich Ihnen immer von unsrer Freundin Mrs Robinson zu geben hatte, für die ich Ihre herzliche Theilnahme kenne. Gestern kommt er nun plötzlich ohne daß ich von seinem Hiersein wußte, und frägt ob er eine Dame aus dem Wagen auch herauf bringen dürfte – und herein kömmt denn richtig seine Frau, vollkommen munter und so klug und theilnehmend für die Außenwelt wie je! Wie rasch sich das gewendet hat! Man hatte ja alle Hoffnung aufgegeben, daß sie der Welt wieder angehören sollte. Sie frug sehr herzlich nach Ihnen, und ich sagte ich wollte grüßen. Von Johannes so lange nichts gehört zu haben, und ihm geschwiegen zu haben, kommt mir wie ein Märchen vor. Doch er war glücklich und hat gearbeitet – während dem ich etwas Geld verdient habe. – – Wie freue ich mich auf seine Sachen. Ich schreibe bevor er nach Detmold geht. Ihre Adresse macht mich ein wenig besorgt – Dr Berges? Bitte, schreiben Sie bald daß Ihnen nichts fehlt, und daß Wildbad gut angeschlagen habe. Auch von Marie, Elise, Julchen und den andern.
Von Herzen
Ihr
aufrichtig ergebner
Joseph J.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
469f.
 



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