19.12.2019

Briefe



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ID: 17348 Brieftext


Geschrieben am: Montag 24.09.1860
 

Liebe Frau Schumann.

Ich war diesmal wirklich etwas unruhig, da Ihre gewissenhafte Pünktlichkeit mich bisher so verwöhnt hatte. Nun, Gott Lob, es ist alles in bester Ordnung! Ich freue mich auf unsere Musik in Dresden und bin mit allem einverstanden, namentlich auch mit den 3 verschiedenen Plätzen; denn obwohl ich glaube, daß in einer großen an Fremden reichen Stadt auch bei erhöhtem Preis genug Zuspruch zu unsern Soiréen wäre, so halte ich`s für Pflicht, auch unbemittelten Leuten den Zugang für gute Musik zu öffnen. Schullehrer, niedere Beamte sind oft die innigsten Zuhörer! Ich will vom 20ten an bereit sein, und werde auch dieser Tage an Rietz schreiben, und in der von Ihnen gewünschten Weise zugleich die Rücksicht<en> wegen der Annonce erbitten. Mit den Programmen hats ja wohl noch Zeit; doch will ich einstweilen immer daran denken. Rietz zu einem Trio aufzufordern, hat viel für sich. Doch muß ich die Entscheidung darüber Ihnen überlassen, da Sie gewiß später als ich mit ihm musicirt haben<;>. <i>In früherer Zeit fand ich seinen Ton etwas hart und die Technik etwas steif, aber freilich war er sehr zuverlässig, und eine gewisse musikalische Gewissenhaftigkeit im <> Ensemble machte, daß ich gerne mit ihm spielte. - Meine 1te Orchesterprobe wird nächsten Freitag sein. Ich will Ouverture, Scherzo u. Finale darin versuchen und Ihrer dabei gedenken. Vielleicht mache ich auch meine Schubert-Bearbeitung unter Scholz' Leitung durch, damit ich mich nochmals von der Wirkung als Zuhörer überzeuge. Der Spina ist aber doch sonderbar; vor etwa 12 Tagen habe ich ihm geschrieben, und noch immer bin ich ohne Nachricht. Vielleicht reut ihn jetzt, was er Ihnen damals nicht abschlagen mochte. Gestern habe ich das Quintett von Schubert für 2 Viol., Viola und 2 Celli durchgespielt. Vieles ist ganz wunderschön, von überquellender Empfindung und so eigenartig im Klang; und leider macht das Ganze wieder keinen befriedigenden Eindruck! Maaßlos und ohne Gefühl für Schönheit in den Gegensätzen. Was ein Jammer, daß ein solches Genie nicht zur Vollendung durchgedrungen ist! Und dennoch hat man den armen, guten Schubert so lieb! Wie freue ich mich auf die neuen Sachen von Johannes. Ich gönne Ihnen von Herzen die schöne Überraschung, die Ihnen zum Geburtstage damit ward. Mein Freund übertrifft mich weit, wie an Talent so an zarter Aufmerksamkeit; aber wenn Sie bedenken, daß ich eigentlich seit meinem 9ten Jahr immer in der Fremde war, weit vom Elternhause, so liegt darin eine kleine Entschuldigung, wenn nicht mein Sinn für ähnliche Zartheit und nicht der warme Wille für meine Freunde, aber die Übung solcher Aufmerksamkeit fehlt. Ich hoffe mich aber noch zu bessern. Meine herzlichsten Wünsche zum Geburtstag nachträglich. Sie schreiben gar nichts wegen der lieben Jungen. Wie war`s mit dem Vorschlag von Frau Bendemann? Soll ich noch an Klengel schreiben? Jedenfalls hoffe ich Ihre Adresse nach dem Aufenthalt in Mehlem zu hören. Ich grüße Sie und Fräulein Marie vielmals und bin wie immer Ihr aufrichtigst ergebner
Joseph Joachim.


  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
550ff
 



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