19.12.2019

Briefe



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ID: 17349 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 10.10.1860
 

Liebe Frau Schuman

Ich habe Ihre beiden inhaltreichen Schreiben zusammen bekommen, da ich von Freitag Nachmittag über Sonnabend in Göttingen war. Bei herrlichem Wetter machten wir einen reizenden Spatziergang, über Mariaspring links an der Pleßburg vorbei, nach dem Hardenberg und zurück: ich, Rittmüllers, Grimms, Bargheer und Braut, und Agathe, die sehr schön 2 Beethoven’sche (mir unbekannte) Lieder, und Bachsche und Händel’sche Arien sang und sehr anmuthig, aber <> ernster als sonst war. B argheer war voll guter Nachrichten aus Hamburg und Leipzig zurückgekehrt. An beiden Orten hat er Einladungen zum öffentlichen Spiel<en> erhalten, und kömmt noch Berlin dazu so wird ihn das ein gut Stück vorwärts in seiner Carrière bringen, wie ich hoffe. Sie können ihm nach Detmold schreiben, und er meint immer für Ihren Zweck loszukommen, freut sich auch natürlich sehr auf Ihre Einladung. Mit Laub wird auch mir das Rathen schwer. Ich hielt ihn immer für den besten Geiger unter meinen Kollegen, habe ihn aber nun wohl 5 Jahre nicht gehört. Da kann sich denn im Guten, wie im Bösen viel geändert haben. Eine Nothwendigkeit ihn aufzufordern liegt nicht vor, wenn Sie nicht schon früher mit ihm in Berlin öffentlich gespielt haben. Haben Sie aber ja bereits mit ihm musicirt, so wäre es allerdings eine Zurücksetzung ihn bei Ihren Soiréen zu ignoriren. Ein Honorar mit solcher Zartheit anzubiethen, daß es nicht verletzt, wird Ihrem Takt nicht schwer werden. Wäre es eine kleinere Stadt wie Leipzig, Hannover etc, so würde ich nicht dazu rathen, in London Wien oder Berlin aber, wo das Leben soviel Ansprüche an die Zeit der Künstler macht, kann eine taktvolle Anfrage nicht verletzen. Hellmesberger spielt glaube ich fortwährend in den Konzerten gegen Honorar. Ich habe Piatti in London auch um seine Terms gefragt, und nichts darin gefunden obgleich ich befreundeter mit ihm stehe als Sie mit Laub. Indeß kann ich doch die Berliner Verhältnisse nicht genau genug beurtheilen, um meine Meinung für gültiger als die Ihre zu halten. Nur eins halte ich für wichtig: daß Sie Bargheer nicht nach Laub spielen lassen. Ersterem könnte es schaden bei Laubs Beliebtheit, und diesen in seiner Eitelkeit verletzen. Meine Mitwirkung in den Berliner Soiréen habe ich für diesmal mit gutem Grund, wenn auch Ihnen gegenüber mit schmerzlichem Bedauern, abgelehnt. Ich kann das Gefühl nicht los werden, daß die dortigen Menschen mich mit einer Art persönlicher Neugierde betrachten; und wenn dies auch Ihnen übertrieben und unhaltbar scheint, so kann ich die Empfindung nicht los werden, und diese ist’s die mich bei den Leistungen stören würde. Mit der Umänderung der Tage in Dresden bin ich vollkommen einverstanden. Auch in Betreff von Rietz gebe ich vollkommen Recht. Ich habe ihm geschrieben, aber noch keine Antwort. Spina schweigt ebenfalls beharrlich. – Ouverture, Scherzo und Finale haben uns neulich allen viel Freude gemacht. Es geht so frisch vorwärts in der Entwicklung, daß einzelne Bedenken nicht zu Wort kommen. Nach der unholden Faust- Ouverture von Wagner, und Abt Voglers Lärmen um nichts in einer Samori-Ouverture war die Schumann’sche Musik eine Wohlthat des Schöpfers. Außerdem spielte ich die Spohr’sche C mol Sinfonie durch, die ich seit der Kindheit nicht gehört hatte. Mit Maaß genossen ist doch die Musik dieses Meisters der Feinheit und des Wohlklangs wegen, die darin herrschen, von großem Reiz. Wäre nur nicht die Stimmung gar so monoton kränklich! Doch genug für heut! Bald komm’ ich wieder mit der Fortsetzung der Antwort.
Ihr Joseph J.

P. S. In Leipzig werde ich in Verbindung mit der Dresdner Reise mein Concert im Orchester Pensionsfond-Abend spielen. Wollen Sie nicht eine Kammermusik-Soirée mit mir geben? Oder glauben Sie, es könnte dem Orchester schaden?

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
558ff
 



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