19.12.2019

Briefe



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ID: 17353 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 31.12.1859
 

Liebe Frau Schumann

Ich möchte, daß Sie als gutes Omen für meine Besserung als Correspondent, am 1ten Tage von 1860 ein paar Worte von mir erhalten. Meine Wünsche sind immer dieselben, herzlichen, auch der egoistische ist darunter daß Sie mir Ihre Güte und Liebenswürdigkeit erhalten mögen, und daß ich im Stande sein möchte dies immer mehr zu verdienen. Sie wissen, das ist keine Redensart, und es bedürfte des durch Ihre Freundessorgfalt behaglich warmen Fußbodens gar nicht, um mich dies auch in diesem Augenblick dankbar empfinden zu lassen. Aber ich freue mich doch besonders, wenn mein Blick jetzt unwillkührlich auf das liebe, weiche Fell unter mir fällt. Ich war zu Weihnachten hier, und war ich auch nicht bei denen die meinem Herzen auf Erden am allernächsten stehen, so war ich doch unter angenehmen, freundlichen Menschen, bei Kaulbach. Auch Fräulein Ney war dort, und ich denke mir meine Vermuthung wird sich wohl bestätigen! Das Mädchen ist mir seines Talentes wegen und in <ihr>seiner anmuthigen Erscheinung werth, und es würde mir sehr leid thun anderes als Gutes über es zu hören. Ich schreibe dies als Antwort auf Ihre Neckerei, und auf die „kuriosen Geschichten“. Hier hielt mich zu allermeist der Wunsch in meiner Umarbeitung des Concerts vorwärts zu kommen, und der 1ste Satz ist denn auch in den Händen des Copisten, da eine neue Partitur und andere Stimmen nöthig sind. Wär’s mir erst ganz aus den Knöcheln! Nun, bald! – Der Flügel steht in der Nebenstube, wohlbehalten. Jaell bat die Dmol Sonate von Schumann drauf mit mir zu spielen; ich denke Sie werden nichts dagegen haben. Auch die Hebräischen Melodien will ich wieder einmal hören, da sich ihnen neue zugesellen möchten. – Johannes hat mir den größten Theil seiner Serenade instrumentirt überschickt; meist als ob er nie etwas anderes gethan hätte als mit dem Orchester umgehen. Nun, es ist ja auch mit ihm geboren! Für ein Orchester-Concert in Berlin bin ich nicht; Ruhm läßt sich nicht über’s Knie brechen. Und ein Concert mit unsicherer Einnahme ist ein gewaltsam Mittel, das wir lieber den Weimaranern überlassen wollen – meinen Sie nicht? Künstler sollen mit ihren Leistungen verdienen, nicht den Leuten was schenken. Hannover, Hamburg, Leipzig werden das Werk geben, hoffentlich Jemand es verlegen, die andern kommen schon nach. Ich spreche wohl unwillkührlich dagegen aus noch einem Grund – ich wäre gern auch dabei, und das geht in diesem Winter nicht, weil die Zeit mir fehlt. Sie werden Sich wohl morgen am Orpheus eine Freude bereiten? Hier war kürzlich Fidelio; das Orchester vortrefflich, die Sänger mittelmäßig, die Tempi oft schlecht. Doch hat’s mich tief gepackt wie immer! Aber wie musikalisch einsam laufe ich doch hier herum! – Heute geleitete ich Marschners letzten Sohn mit zu Grabe. Nach Holland will ich von Ihnen an Haakman schreiben. Wie steht’s mit Braunschweig? Wann bekomme ich mein grünes Schirmchen, und wann spielt mir Fräulein Marie vor? Grüßen Sie Sie [sic] und alle Geschwister herzlich und schreiben Sie bald wieder, verehrte Freundin Ihrem aufrichtigen
J. J.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
Absendeort: Hannover
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
Empfangsort: Berlin
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
486ff
 



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