19.12.2019

Briefe



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ID: 17355 Brieftext


Geschrieben am: Montag 01.04.1861 bis: 30.04.1861
 

Liebe Frau Schumann.

Ohne noch Fräulein v. d. Gab. gesprochen zu haben, rathe ich Ihnen, nicht an dem genannten Tag zu kommen, da gewöhnlich diese Zeit gerade voll Hofbesuch und Unruhe ist. So liebenswürdig die Absicht ist (die ich auch mittheilen will), die Herrschaften genießen Ihr Kommen gewiß später ungestörter. Und dann dürfen Sie auch den Kostenpunkt nicht unbeachtet lassen. Da Sie noch einmal zu spielen verpflichtet sind, so sehe ich nicht, warum Sie diese Schuld nicht lieber auf der Durchreise abmachen sollen. - Ganz ohne Egoismus ist indeß meine Meinungsäußerung auch nicht: ich reise am 15ten nach Hamburg zum Philharmonischen Concert am 16ten; und zwar werde ich mit Eyertt die Concertante für Viola und Geige v. Mozart spielen und allein die Phantasie v. Schumann. Daß ich diese auch in Wien im 3ten Concert, u. mit Erfolg gespielt, wissen Sie wohl. Wie leid hat es mir gethan, meine Rückkehr nach Wien jetzt aufgeben zu müssen! Durch den Tod der Herzogin von Kent wurde es nicht möglich, vor dem 6ten das letzte Abonnements- Concert hier zu geben, und Spina meinte, daß es dann doch für Wien zu spät würde, und ich sollte die Rückkehr nach Wien <> lieber auf den nächsten Herbst verschieben. Wir werden noch viel über die liebe Kaiserstadt miteinander zu sprechen haben! Wenn nicht früher, so soll dies Ende April, und in Aachen, geschehen, wohin ich die Einladung angenommen habe. Hauptsächlich Ihretwegen und der Mißa sollemnis zu lieb. Schumann sagt zwar, man soll nicht 2 Gründe angeben, aber es ist doch so, daß mich das anziehende Programm allein schwerlich vermocht hätte, die Reise zu machen, und daß ich Sie lieber ohne den Musikfesttrouble besuche. Aber ich freue mich, das Violin-Solo im Benedictus für Sie zu spielen. Noch habe ich eine Schuld an Sie abzutragen, nämlich: einmal hunderttausend Millionen und ein -- Grüße, ich wollte es wären Goldstücke. Aber sie kommen wenigstens von einer liebenswürdigen Dame, der Gräfin Zamoyska, der ich versprochen habe, wörtlich auszurichten, was sie mir auftrug. Sie habe schon so viel Briefe an Sie angefangen, aber das Hofleben mit dem exigeanten Herrendienst läßt sie eben nie zu ordentlichem Schreiben kommen. -- Für heute Adieu, und die schönsten Grüße an Fräulein Marie und an Ihre arme kranke Freundin.
Immer getreu
J. J.


  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
594ff
 



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