25.02.2022

Briefe



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ID: 17359
Geschrieben am: Dienstag 30.07.1861
 

Liebe, gute Frau Schumann.

Man sollte immer gleich im ersten Freudenfeuer auf angenehmste Briefe antworten. Nun sind wieder mehrere Tage vergangen, in denen der Schein der Undankbarkeit auf mir lastete! Wie Sie immer gütig gegen mich sind! Auch unter so schweren Sorgen haben Sie meines Geburtstages nicht vergessen. Und welche herrliche Gabe begleitete Ihre herzlichen Zeilen. Nur sollte ich eigentlich, statt für die Partitur zu danken, als gewissenhafter Freund Vorwürfe machen, daß Sie mich all zu reich bedacht. Ich kann aber Ihnen gegenüber gar nicht recht in Philister-Laune kommen! Denken Sie aber, daß ich den Figaro bereits hatte, so aber, daß ich doch nun den Ihrigen behalten kann. Es liegt nämlich mein alter in einer Mappe uneingebunden, und da er so unversehrt ist, als käme er eben aus Simrock`s Lager, so ist gar keine Schwierigkeit vorhanden, die Zauberflöte dafür einzutauschen und in die Mappe zu legen. Ich habe meinen Geburtstag hier sehr ruhig verlebt. Nur Abends war ich in Herrenhausen zu einem Militär-Musiker-Concert, wo ich von dem Königspaar Abschied nahm, das Tags darauf nach Norderney abreiste. Der Schubert`sche schnelle D dur- Marsch, (der mit dem H moll Akkord anfängt) klang arrangirt für Militär-Musik sehr gut und würde Ihnen auch Vergnügen gemacht haben. Am 23ten war ich von einem 8tägigen Harzaufenthalt wiedergekehrt, wo ich Gisela und Herman besucht hatte. Die Lage von Suderode, wo sie wohnen, ist eine sehr anmuthige, eben zu Anfang der Harz- Berge, von Wald umgeben und von reizend durch dieBäume schimmernden rotbedachten Ortschaften belebt. Wir waren natürlich viel im Freien, obwohl der arme Herman nicht viel gehen konnte, da er sich kurz zuvor bei einem Sprung aus den Wagen den Fuß vertreten.Einen Nachmittag brachten wir damit zu, einer Freundin der Gisela in dem 2 Stunden entfernten Wienrode eine unverhoffte musikalische Freude zu verschaffen. Die arme, wegen Lähmung nur in einem Wägelchen weiterzubewegende Frau Pastorin Lichtenstein (der Sie ja auch Ernst Rudorff's wegen einst einen Besuch zugedacht hatten) war nicht wenig erstaunt, als ihr Gisela sagte, wer ich wäre, und daß ich auch meine Violine mitgebracht hätte. Ich merkte, welchen entbehrten Genuß ich ihr durch Bach`sche Klänge in das einsame, aber reizend friedliche und wohlthuende Pfarrhaus brachte, und werde noch lange an den herzlichen Dank der beiden Gatten denken müssen, der mir lieber war, als die lärmendsten Beifallsstimmen. Ich mußte denn natürlich auch viel, und immer wieder von Ihnen erzählen. Kommen Sie je in die Gegend, so müssen Sie die Leute noch aufsuchen, Sie werden's nicht bereuen. Übrigens muß die Pastorin auch früher gut gespielt haben; sie ließ sich zur F dur Sonate mit Violine von Beethoven überreden, und der Vortrag klang musikalisch, wenn auch nicht ohne jene Sentimentalität, zu welcher Leute oft kommen, die mit einer löblichen Sehnsucht nach geistigem Leben fern von dem Schauplatz künstlerischer Thaten existiren müssen. - Die Harzer Berge haben mir im Ganzen gute Dienste geleistet, und die Erinnerung daran, wie an ein neues, sehr tiefes Trauerspiel der Gisela , das sie mir vorgelesen, läßt das sommerliche Staub-Hannover schon erträglich scheinen. Ich muß zum 16ten in Antwerpen sein und werde ein paar Tage vorher abreisen, um Scholz den längst versprochenen Besuch auf der Hammermühle zu machen. An der Schweizer-Reise nach dem 19ten wollen wir festhalten. Wie freue ich mich darauf, noch 14 Tage mit Ihnen umher zu wandern, in der Schweiz zumal, deren Riesen mir noch unbekannt sind! Nun müssen wir aber wirklich etwas gewissenhafter correspondiren, denn am Ende finden wir uns sonst gar nicht, wenn wir zusammentreffen wollen! – Ich hoffe auch auf Johannes zur Schweiz. Ist Joh. am Ende in Kreuznach? Wir haben uns lange nicht geschrieben. -- Ich wollte, was Sie von einer Sinfonie sagen, wäre wahr! Aber es ist nichts dergleichen entstanden, obgleich ich wenigstens wieder Muth zum Schaffen bekommen habe in der Sammlung der Einsamkeit. Stillstand im Componiren rächt sich; und ich denke, es soll nicht wieder so kommen, daß ich ganz mit meinem Musikquell versiege. Ich habe in diesen Tagen einen Antrag (in Schottland mit Mrs. Goldschmidt Concerte zu geben) für den Oktober ausgeschlagen. Dafür habe ich mir vom König den Februar und März kommenden Jahrs für Wien erbeten, wo ich dann auch gern neu Komponirtes brächte. Ich habe am 24ten das Abendlied Schumanns für Violine, Bratschen, Celli, Contrabaß, Klartten Fagtte und Hörner gesetzt, weil ich Seiner besonders treu gedachte. Auch habe ich die Briefe vorgesucht, um Ihnen die versprochenen Abschriften zu machen.
Ich grüße Sie, Marie, Elise und Fräulein Leser u. Junghé, und bin in herzlicher Ergebenheit Ihr
J. J.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
615-618

  Standort/Quelle:*) D-DÜhh
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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