19.12.2019

Briefe



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ID: 17412 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 09.05.1871
 

9ten Mai. 1871.

Liebste Frau Schumann!

Nun sind Sie hoffentlich in Ihr Häuschen eingezogen – u. mein Gruß findet Sie in der Heimath! Gerne wüßte ich, wie es Ihnen noch in England gieng, d. h. Gutes u. Liebes was Sie erfahren haben – vom Unangenehmen, daß Sie bestohlen wurden, schrieb mir Ellen. Wir haben mit großer Theilnahme davon gehört. Ich kann mir denken, wie peinlich u. fatal die Geschichte war – u. welch ein abscheuliches Gefühl für Sie, daß die Diebe in Ihrer Stube waren, vielleicht Alles durchwühlt haben! Hat man eine Spur entdeckt? Wie war Ihr letztes Conzert? Hat Mme Goldschmidt gesungen? – Wir haben hier mittlerweile gehört, daß er hier im Winter mit Mühler konferirt hat, u. an meines Mannes Stelle kommen sollte! Er besuchte uns damals – sagte aber nichts davon, u. ich finde es war nicht sehr freundschaftlich gehandelt! – Jo steckt sehr viel in seiner Schule u. hofft, er wird doch noch was recht Schönes zu Stande bringen. – Der große Wagner hat Berlin eine Woche lang mit seiner Anwesenheit beglückt. Wir haben ihn natürlich nicht gesehen. Jo sprach ihn einen Augenblick im Senat – nur wenige Worte. Das Conzert welches er dirigirte besuchten wir natürlich. Er machte seine Sache recht gut, für Berliner Verhältniße vielleicht glänzend – doch kann ich nicht sagen daß ich in Wien oder Hannover die C moll Symphonie nicht mindestens ebenso gut hörte. – Sein Kaisermarsch ist für mich entsetzlich – sowie die meisten seiner Sachen. Verschiedene Menschen, Kathi Eckert an der Spitze schwärmen natürlich sehr. Fr. v. Schleinitz hat viele Blumenkränze in Scene gesetzt u. s. w. doch war der Erfolg im Ganzen recht mäßig, u. er reiste ab, ohne den erhofften „Generalmusikdirektor“. Das fehlte auch noch, daß der hier eine solche Stellung bekäme! Ich habe meine Kinderl, Gott sei Dank, so wohl gefunden, daß ich meine langweilige Kur in Kreutznach aufgegeben habe. Nun wissen wir gar nicht recht, wohin wir im Sommer gehen. Ich dachte einmal sehr an Lichtenthal, doch fürchte ich etwas die weiche Luft, welche für meinen Hals nicht gut ist. In die Schweiz können wir nur auf kurze Zeit u. ohne Kinder. Wann sind Sie in der Schweiz? Gibt es im Schwarzwald ein kleines Nest, wo man unterkommen fände, u. was nicht so weit nach Lichtenthal wäre u. nicht so weiche, warme Luft? – Da wir im August nach Bonn müßen, möchte ich nicht wieder nach Österreich u. wirklich so gerne einmal etwas in Ihrer Nähe sein. – Ich habe heute eine große Freude gehabt. Julie hat Johannes ein wenig unterrichtet – hinter meinem Rücken u. nur ganz kurze Zeit. Der kleine Junge stellt sich aber so geschickt an, machte mir heute seine kleinen Fingerübungen so nett vor, u. scheint ganz gutes Gehör zu haben. Es wäre doch zu nett, wenn er Musiker würde! Es ist das erste Zeichen was was ich bekomme, daß die Kinder doch etwas Musik in sich haben, u. glaube, es bringt Glück, wenn ich es Ihnen mittheile – lachen Sie nur – ich bin aber etwas abergläubisch! – Daß Dr Schultzen nun doch nach Dorpat geht, haben Sie vielleicht gehört. Nun wird im Juni wahrscheinlich schon Hochzeit gemacht. Mir ists leid, daß Anna so weit wegkommt, doch glaube ich ist’s gut für Sie, von Julie, die großen Einfluß auf sie hat, losgelöst zu werden u. ganz allein ihrem Manne zu gehören. –
Herzlichste Grüße an alle die lieben Ihrigen – u. einen herzlichen
Kuß für Sie, liebste Frau Schumann
von Ihrer
Ursi Joachim

Jo ist nicht zu Hause, sonst würde er sehr grüßen.
Das Handschuhwasser geht heute ab.

  Absender: Joachim, Amalie (771)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
1028-1031
 



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