25.02.2022

Briefe



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ID: 17426
Geschrieben am: Freitag 03.02.1865
 

Liebe Frau Schumann

Wohl ist die Trauerkunde wahr! Mein seliger Vater war 76 Jahre alt. Der Winter pflegte ihn in den letzten Jahren immer anzugreifen, aber er erholte sich auch wieder leicht. Sie können denken wie hart mich die Nachricht nach dem letzten Concert traf; meine Frau hatte es schon den ganzen 21ten gewußt, und mußte mich nun in dem Zustand in’s Concert bringen, spielen und dirigiren lassen ohne mir was zu sagen. Die Ärmste! Seit diesem Schlag sind nun hier auch die häßlichsten Verläumdungen über mich in den Blättern vorgekommen; ich hatte diesen Schmutz vorher <kommen> nahen sehen, aber ich bin empfindlicher und verstimmter darüber als ich ge<faßt> glaubt hätte. Auch war ich anderthalb lange Stunden beim König, der mir durch allerlei Liebenswürdigkeit meinen Entschluß ausreden wollte: ich blieb aber fest. Über das Gespräch mündlich einmal. – In Hamburg waren wir nicht; ich telegraphirte ab, da ich mich nicht entschließen konnte in der Stimmung, die sich meiner bemächtigte, zu concertiren. Der Manfred ist nun wieder, aber diesmal zuletzt!, verschoben; und zwar auf den 25ten. Schreiben Sie mir sobald als möglich ob Sie sicher spielen können, und wollen. Am 1ten März reise ich nach London. Das Sextett werde ich erst jetzt mit Muße lesen können; Sie können denken wie mich’s verlangt es näher zu kennen. Das Adagio scheint wunderschön u. echter Johannes.

Programm vom Concert für morgen:
1. Sinfonie v. Haydn (B dur)
2. Gesang der heiligen 3 Könige mit Orchester von M. Bruch.
3. Ouverture (Meeresstille u. gl. F.) von Mendelssohn.
––––––
4. C mol Sinfonie

Mit unsern herzlichen Grüßen und Wünschen guter Heilung der Hand
Ihr J. J.

P. S. Vielleicht interessiren Sie und unsere Freunde die Notizen eines Blattes, das für mich in der Grün’schen Sache Partei nimmt. Meine Feinde hatten drucken lassen, daß ich hier à tout prix einen Schüler anbringen wollte, daß ich Talente der hiesigen Kapelle ihm zur Lieb’ hintangesetzt, und daß die Intendanz nur um meinem zudringlichen Bitten zu wehren geäußert habe, es gienge aus Religionsgründen nicht! etc. etc.

[Beilage]
(Joachim.) Die trübe Neuigkeit, daß Joachim seine hiesige Stellung aufgeben wolle, hat begreiflicher Weise eine äußerst lebhafte Theilnahme erregt und nicht blos in der localen Presse Erläuterungen hervorgerufen, welche je nach individuellen Tendenzen der inspirirenden Größen verschiedenartig sich darstellen. Eine Steigerung persönlicher Ansprüche setzt man bei diesem Künstler nicht voraus, um so weniger, als die Munificenz des Königs ihnen stets voranzueilen wußte, und die Erfüllung fremder Wünsche soll gewiß nicht durch eine drohende Vertragskündigung seinerseits ertrotzt werden. Die Vermuthung, daß irgend ein zwingender Ehrenpunkt den offenkundig gewordenen Conflict begründe, wird durch alle unsere Nachforschungen bestätigt, deren Ergebniß wir erst jetzt nach ihrer vollkommenen Sichtung und Sicherung mittheilen. – Nach des Kammermusicus Kömpel Abgange11 von hier wurde Herrn Joachim der amtliche Auftrag, einen Ersatz für diese eingetretene Vacanz zu schaffen und unter mehren Bewerbern ist Herr Grün , damals Mitglied der Hofcapelle zu Weimar (kein Schüler Joachim’s), mit der ausdrücklichen Zusage ausgewählt, demnächst in Herrn Kömpel’s Stelle eintreten zu sollen. Der betreffende Brief J.’s an G. ward auf bestimmten Wunsch der Intendanz geschrieben und die darin enthaltene Zusage beruhte auf ertheilter Ermächtigung. Von einer Qualification, welche außerhalb des Gebietes der Kunst etwa erforderlich sei, ist nicht die Rede gewesen. Nachdem nun Herr Grün einige Jahre mit Auszeichnung in der Königlichen Capelle gedient, erinnerte Joachim an die eingegangene Verbindlichkeit seiner festen Anstellung und erhielt von der Intendanz die überraschende Antwort, daß unübersteigliche Hindernisse derselben wahrscheinlich in dem jüdischen Glaubensbekenntnisse des Musikers würden gefunden werden. Die sogleich als unübersteiglich bezeichneten Hindernisse sollen denn auch wirklich gefunden sein und das bestimmte Versprechen des Concertdirectors ist durch den Chef des Orchesters desavouirt, obwohl keine gesetzliche Einrichtung und kein kirchlicher Dienst eine Frage nach der Confession des Bewerbers vor seiner Berufung veranlaßte oder deren freiwillige Betonung hätte veranlassen können. Herr Grün hatte natürlich keine Neigung, als aussichtloses und lediglich geduldetes Mitglied der Capelle fortzudienen oder nachträgliche Bedingungen sich auferlegen zu lassen und bat um seine Entlassung. Joachim aber findet eben so natürlich in der thatsächlichen Verleugnung seines Auftrags einen gebietenden Grund, durch entschlossenen Verzicht auf seine Stelle seine Stellung zu bewahren. Das sind die genauen Thatsachen. Der lange Zeitraum, welcher von der Uebersiedelung Grün’s nach unserer Hauptstadt bis zu dem augenblicklichen Zerwürfnisse verflossen ist und der seit Monaten angezeigte Entschluß Joachim’s wehren von vornherein jeden Verdacht einer Uebereilung oder einer vorübergehenden Laune unseres Meisters ab.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
819-822

  Standort/Quelle:*) D-DÜhh
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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