25.02.2022

Briefe



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ID: 17436
Geschrieben am: Mittwoch 11.10.1865
 

Liebe Frau Schumann

Ich hoffte immer über die Frankfurter Tage und über Heidelberg und Mannheimer Daten ein paar Worte zu hören. Übrigens ist es freilich <> kaum nöthig, denn ich habe mir den ganzen November frei gehalten. Wegen Berlin allerdings pressirt es nun. Ich glaube, daß es besser ist, wenn wir kein Abonnement dort ankündigen. Der Saal ist für Berlin ja nicht so groß, daß wir uns ein Publikum auf diese Weise zu sichern brauch<t>en, und da Sie auf meinen Wunsch wegen des eignen Concert gütige Rücksicht nehmen wollten, so meine ich allerdings, daß ich allein kein Auditorium bekomme, wenn die Leute Aussicht haben uns später zusammen zu hören. Schreiben Sie mir nun bitte, ob ich an Herrn Schäff die Anfrage wegen des Saals stellen soll. Wenn Sie glauben, daß es nöthig wäre, daß ich selbst nach Berlin gienge um alles zu ordnen, so könnte ich dies auch zwischen dem 19ten und 24ten d. M. thun. Ich spiele am 17ten in Cöln mein G dur Concert, dann bin ich bis Frankfurt frei. – Daß Ullmann aus Berlin in die Quere kömmt, sieht wohl schlimmer aus, als es
ist. In Berlin sind ernste Musikfreunde genug. Sollten Sie aber Dresden vorziehen für diesmal, so sagen Sie es noch offen; mir gilts gleich. Sagen Sie mir nur bald, was ich für unsere Vorhaben thun kann, um Ihnen einen Theil der Mühe zu nehmen. Ich reise schon Sonnabend nach Cöln; Sie werden also gut thun gleich an Hiller dorthin zu adressiren. – Von der Hamburger Zeit wird Ihnen Lady Anabella erzählt haben; es war doch ein Genuß die Große Messe ganz an sich vorüberziehen zu lassen, mag auch die Aufführung manchmal zu wünschen gegeben haben. Die Orgel und der trefflich klingende Chor vermischten sich herrlich in der schönen Kirche. Der Elias gieng natürlich viel glatter; man konnte es eine gute Aufführung nennen. Stockhausen war in allen erregten, in die Handlung eingreifenden Stellen wahrhaft grandios mit seiner accentreichen Deklamation. Wären die Gebete inniger, ruhiger getragen gewesen, man könnte seinen Elias vollendet nennen. Die letzte Seite fehlte für mich, obwohl natürlich auch in den sanften Stücken vieles war, wie’s kein anderer singen kann. Meine Frau war gut bei Stimme, und ich wollte Sie hätten mit zugehört. Sie grüßt herzlich, und ich bin immer
getreulich Ihr
Joseph J.

Ich habe so lange gezögert, daß Lady Anna gewiß fort ist. Sollte sie noch weilen, so bitte ich auf’s Wärmste von uns zu grüßen.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
857ff

  Standort/Quelle:*) D-DÜhh
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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