19.12.2019

Briefe



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ID: 17444 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 15.06.1866
 

Am 15ten

Liebe Frau Schumann

Wir sind noch immer in Hannover, und zwar nicht aus politischen Gründen, sondern leider durch den heftigsten Rheumatismus welcher sich meiner armen Frau bemächtigt hat, zurückgehalten. Sie kann nur auf einen Stock gestützt unter starken Schmerzen sich fortschleppen. Ist das, nach der Krankheit die sie eben durchgemacht nicht doppelt traurig?! Ich habe gar keine Worte dafür, und selbst die Deutschland zerreißenden Nachrichten vermögen kaum mich von den Gedanken um das Wohl meiner Ursi abzuziehen. Gefahr ist wohl nicht vorhanden, aber das Leiden kann sich noch Wochen hinschleppen, und wie muthlos macht es sie! Wenn die Verhältnisse es zulassen, wollen wir immer noch nach Creuznach, sobald eben meine Frau reisen kann. Ungemüthlich ist am Ende jetzt jeder Aufenthalt! Man spricht hier, daß die Truppen Preußens einrücken, Hannover besetzen wollen; so kommen kann es jedenfalls bald, und das Entsetzliche ist, daß man weder Preußen noch Oesterreich sich unbedingt in die Arme <fallen> werfen will! Es kömmt gewiß ein ganz abscheuliches Chaos über Deutschland! Der Hof ist noch hier, und gestern um 8 Uhr Abends war ich mit Goldschmidts in Herrenhausen, um vor den Herrschaften4 en petit comité zu musiciren. Ich hatte eigentlich erwartet, daß wir wieder abbestellt werden sollten nach Eintreffen der Frankfurter Nachrichten – aber vielleicht ist wirklich dem König die Erholung Herzensbedürfniß gewesen. Wer weiß, ob’s nicht überhaupt das letzte Mal war, daß wir in den Räumen musicirten, mußte ich mir wehmüthig gestehen. Ich bin auf Alles gefaßt! Die Lind war verhältnißmäßig gut bei Stimme, und ihre helle, <I>innerliche Erregtheit übt immer noch ihren Zauber auf mich aus. Daß manches gewaltsamer, effektsuchender jetzt bei ihr auftritt, darüber sind wir uns ja leider lange einig! Sie hat übrigens 8 Tage hier erkältet im Hôtel zugebracht, bevor sie ihr Versprechen bei Hof zu singen halten konnte. Heute ist sie Mittags fortgereist. Natürlich war sie sofort bereit Ihren Wunsch für die liebenswürdige Prinzessin zu erfüllen, und selbst unangenehmere Dinge würde sie für Sie mit Freuden unternehmen! Von Düsseldorfher war sie noch ganz durchwärmt von Ihrem Spiel, überhaupt auch sonst „nett“ und ich trennte mich ungern von ihr. Trösten Sie mich bald mit einigen Zeilen, ich schreibe sobald ich bestimmtes mittheilen kann. Von Frau und Puzzi die herzlichsten Grüße, auch von uns an die lieben Kinder. Wie geht’s Johannes? Immer
Ihr treuergebner
Joachim.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
893f.
 



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