19.12.2019

Briefe



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ID: 17445 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 26.06.1866
 

Hannover, am 26ten Juni.

Liebe Frau Schumann

Vielen Dank für Ihren Brief voll herzlicher Theilnahme, dessen warmer Ton mir und meiner Frau sehr wohl that. Er ist aber beinahe eine Woche unterwegs gewesen! Der Krieg wird auch Ihrem sonst so friedlichen Lichtenthal nahe gerückt sein; wenigstens muß die Aufregung in dem von preußischen Sym- und Antipathien zerklüfteten Ländchen groß genug sein. Bei mir steht gegen das häusliche Leiden jetzt alles andere zurück. Denken Sie, daß der Zustand meiner Frau immer nicht besser ist; die Ärmste steht die ärgsten Schmerzen aus, kann nur von zwei Menschen gestützt von einer Stube in die andere gehen, die rechte Hand nur unter den ärgsten Schmerzen rühren – es ist ein wahrer Jammer ihr Leiden zu sehen. An eine Luftveränderung ist gar nicht zu denken vor der Hand; <und> die Wohnung ist auch wenigstens nicht Schuld, der Rheumatismus in heftigster Form soll in den letzten Wochen hier überhaupt häufig vorgekommen sein. Da es bei meiner Frau übrigens die sogenannte „fliegende“ Gicht ist, so kann es sich, meint der Arzt, auch recht rasch zum Guten wenden, und dann sollen
wir sogleich fortreisen, aber nicht nach Kreuznach, sondern nach Harzburg, das auch ein Soolbad (freilich nicht Jodhaltig und so gut wie Kreuznach!) hat. Wir fürchten uns in dieser Zeit gar zu weit weg vom Haus zu sein; zumal liegt Kreuznach so schlimm an der Ecke von Preußen und Bayern! Von Harzburg ist Hannover immer in 3 Stunden für mich zu erreichen, und die Lage ist hübsch. Pläne lassen sich jetzt gar nicht machen, aber ich hoffe Sie, wenn es in ein’gen Monaten ruhiger ist, jedenfalls zu sehen. Ach, wäre nur der qualvolle Zustand meiner Frau, meiner ärmsten, geprüften etwas besser. Ich habe für gar nichts mehr Sinn! – Gestern war Stockhausen hier, traf mit seinem Bruder aus Leipzig zusammen und geht <denn> nun nach Kreuznach. Ein Einzelner kann das eher wagen; gewiß sucht er Sie auch auf, wenn er durchkommen kann. Grüßen Sie Ihre lieben Kinder von uns, und seien Sie selbst auf’s Innigste gegrüßt von meiner Ursi und Ihrem freundschaftlich
ergebenen
Joseph Joachim

P. S. Politika werden Sie aus den Zeitungen genug haben. Die Königin ist als Privat-Dame mit den beiden Prinzessinnen noch hier in dem von Preußen ganz besetzten Land; dem König soll’s gelungen sein, sich mit einem Theil des Hannover’schen Heeres nach Bayern zu schlängeln, über Thüringen.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
898ff
 



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