19.12.2019

Briefe



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ID: 17457 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 31.12.1867
 

Am 31ten Decbr

Liebe Frau Schumann

Wenn ich auch nur wenige Minuten heute erübrige, so will ich Sie morgen nicht ohne herzlichen Gruß von uns wissen. Sie haben hoffentlich fortwährend gute Berichte von Julchen, und können Sich des Zusammenseins mit den andern lieben Kindern ungetrübt freuen, die ich herzlich zu grüßen bitte; es sind wohl Marie, Elise, Ferdinand? Der letzte ist ein so stattlicher, prächtiger, lebensfrischer Junge geworden, daß ich mich in Berlin seiner recht freute. Dabei fällt es mir auf’s Herz, daß ich Ihnen von Felixchens Spiel noch gar nichts geschrieben! Der liebe Junge spielte mir die F dur Romanze von Beethoven vor, und recht rein und ordentlich. Mehr kann ich freilich nicht sagen; aber es ist bei der wirklich sehr geringen Zeit, die er auf’s Violinspiel verwenden kann, gar nicht möglich viel zu leisten. Um mir ein Urtheil über seine Befähigung zum Künstler zu erlauben, müßte ich ihm entweder selbst eine Zeitlang Unterricht geben können, oder ihn hören nachdem er mehr und anhaltend Mühe auf’s Geigen verwendet hat. Wenn ich, so Gott will, im Herbst nach Berlin übersiedle, werde ich mich ja mit dem guten Lix mehr befassen können; aber es wäre gut (<wenn> da Sie überhaupt die Möglichkeit ihn zum Musiker zu bestimmen in’s Auge fassen) wenn er vorläufig mindestens 1 1/2 Stunden auf’s Üben verwendete. Sollte sich das nicht einrichten lassen? Er läßt sich ganz geschickt zum Violinspielen an, und es wäre ein Unrecht geradezu abzurathen, bevor man ihm die Möglichkeit zur Entwicklung einige Monate wenigstens gegönnt hat. Mehr kann ich nicht sagen; leider wohl nicht mehr als Sie ohnehin gewußt! – Wie schön fängt das Jahr durch die Genoveva für Sie an; könnte ich sie mit hören! Überhaupt wäre ich gern nach Karlsruhe; ’s ist nur gar so weit, und da ich im Februar (zum 17ten) wieder nach London muß, mag ich mir von der Zeit bei den Meinigen nicht mehr als nöthig abschneiden. In Brüssel zu spielen möchte ich Ihnen unter allen Umständen rathen, die Akustik ist im Theater nicht schlecht, und das Publikum sehr empfänglich; auch ist der Dirigent ein seelenguter Mensch, dem ich Ihr Spiel gönnte, obwohl es für Sie gefährlich! Mich hat er vor dem Publikum umarmt! Für heute Adieu, liebe Freundin!
Ihr Joachim.

Bronsart kömmt heute mit Kaulbach’s zu uns Sylvestern; da will ich um den Zettel bitten.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
944ff
 



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