25.02.2022

Briefe



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ID: 17458
Geschrieben am: Montag 27.07.1868
 

Liebe Frau Schumann

Vor allen Dingen daß ich an Bendemann schon vor dem Eintreffen Ihrer Zeilen geschrieben hatte, was mir sehr lieb ist, damit er nicht denken kann mir wäre die Sache minder wichtig wie ihm. Ich konnte mich aber doch nicht entschließen, jetzt wo ich kaum mit Frau und Kindern in die Häuslichkeit gekommen, gleich wieder auf unbestimmte Zeit von Haus zu gehen. Im November, wo ich in Barmen und Elberfeld spielen soll, hoffe ich es nachzuholen. In den nächsten Tagen muß ich eine kleine Fahrt nach Hamburg machen, da ich mit Chrysander einiges zu besprechen habe, und auch Calais (den Zahnarzt) brauche – ein Zahn fängt an wehe zu thun, und da bin ich gleich sehr besorgt ihn in Ordnung zu bringen. Hier giebt’s aber (wie so vieles andere auch nicht!) keinen guten Zahnarzt. Ich bleibe <aber> höchstens 2 Tage aus; wollte nur Johannes wäre zu Haus, der wird aber wohl noch am Rhein sein! – Wenn Sie nicht unsere liebe Freundin wären, möchten wir Sie um die jetzt gewiß herrliche Luft da droben beneiden – hier ist eine so drückende Gluth, daß es einem eigentlich nur die 1/4tel Stunde wohl wird, in der man sich in der Schwimmschule herumtummelt. Kein Regen und keine Gewitter! Meine arme Frau empfindet das besonders, und ihr Trost ist nur, daß die Kinderchen nichts davon zu merken scheinen, die gedeihen nur um so besser. Ist’s daß sie weniger Last zu schleppen haben, der warmen Sonne ferner und der kühlen Erde näher sind als wir Großen? Das kleine Mariechen fängt eben die possierlichsten Sprechversuche an, und würde gerne
der Frau Pathe Ei Ei machen; das Thierchen ist gar lieb. Meine Frau steckt des herannahenden Berliner Umzugs wegen in doppelten Haushaltssorgen: der bornirte Preußenhaß der untern Klassen macht es schwer die nöthige Bedienung aufzutreiben, da eins der Mädchen von hier nicht mit will, und das andere10 sich verlobt! Wir gehen Ende <Okt> September, gleich nach dem Schweriner Musikfest nach Berlin. Mit dem Bauen aber warten wir bis zum Frühjahr: mir scheint es doch vorsichtiger zu sehen wie uns der Aufenthalt gefällt, bevor wir uns so fest machen. Nicht als ob ich im Allgemeinen andern Sinnes geworden wäre. Ob wir Sie noch im Bad’schen antreffen, wenn wir Ende Oktober nach Frankfurt (zur H moll Messe von Bach) und Karlsruhe gehen? Was haben Sie für Winterpläne? Die für die nächsten Wochen sind gar herrlich, wollte wir hätten Zeit und Geld Sie zu begleiten! Wir erwarten den Besuch von Miss Horsley, die von Aachen aus Ende nächster Woche herkömmt. Grüßen Sie Wittgensteins herzlich von uns. Ist denn Fräulein Julchen mit Ihnen? Wer macht die schöne Reise mit? Ich schicke sobald Sie wieder in Baden sind endlich die Bücher, dann höre ich vielleicht wieder von Ihnen. Felix’chens Talent lerne ich hoffentlich im Herbst kennen; er hat mir ein sehr hübsches Briefchen geschickt.
Mit unsern vereinten Wünschen für schönes Reisewetter und herzlichsten Grüßen
Ihr
Joseph J.

Am 27ten July.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
968-971

  Standort/Quelle:*) D-DÜhh
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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